Die Waschlappenstrategie
Über die Notwendigkeit eines transnationalen Pazifismus
Mitte Mai findet der 25. Bundeskongreß Entwicklungspoitischer Gruppen in Frankfurt statt. Für den Textepool, der zur inhaltlichen Vorbereitung auf dieses Ereignis dienen soll, wurde der folgende Text von der DFG-VK Hessen beigesteuert.
Wer
an einem Wochenende auf dem Bahnsteig steht und auf den Zug wartet, wird es
bemerkt haben: die Bundeswehrsoldaten, die ins Wochenende oder zurück in die
Kaserne fahren, tragen Uniform. Das war vor zehn Jahren noch anders. Damals
konnte man davon ausgehen, außerhalb des Dienstes nur die Wehrpflichtigen in
Uniform zu sehen, denen dieser Job richtig Spaß machte; die anderen verbrachten
ihre Freizeit in zivil. Diese Veränderung dürfte kaum bloß darauf
zurückzuführen sein, daß die kleingefleckten Tarnanzüge schicker sind als die
alten olivgrünen Kittel. Der Anblick eines Bahnsteigs am Freitagnachmittag sagt
etwas über das Bild des Militärs in der Gesellschaft.
In einer Zeit, in der man sich eine Weltkarte an die Wand pinnen und bunte Fähnchen dorthin stecken könnte, wo überall deutsche Soldaten im Einsatz sind, ist das Prestige des Militärs so hoch wie lange nicht. Kein Wunder. Während der Blockkonfrontation war die Legitimation der Bundeswehr der "Verteidigungsfall" – ein Krieg also, von dem trotz allen Vorwärtsverteidigungs-Strategien anzunehmen war, daß er sich zum großen Teil auf dem Territorium abspielen würde, das da verteidigt werden sollte; keine sehr angenehme Vorstellung. Aus der Angst vor einem Atomkrieg in Mitteleuropa zog schließlich die Friedensbewegung der 80er Jahre viel von ihrer Mobilisierungsfähigkeit. Unter solchen Bedingungen fällt es Soldaten schwer, mehr als den etwas verkrampften Stolz aufzubringen, man sei tapfer & treu bereit, das notwendige Übel zu tun.
Heute
gibt's den V-Fall nicht mehr; ebensowenig wie es Krieg gibt. Es gibt:
humanitäre Interventionen, begrenzte und punktgenaue Militärschläge, Einsätze zur
Krisenbewältigung, die kaum mehr zu zügelnde Bereitschaft zur Übernahme von
Verantwortung in der Welt… Der Fall, der eingetreten ist, ist die Offensive.
Man braucht nicht mehr zu betonen, daß die Streitkräfte lediglich für die
Reaktion auf einen Angriff vorgesehen seien; man ist selber aktiv, ergreift die
Initiative. Das stärkt das Selbstvertrauen – auch das des letzten
Panzergrenadiers, der den Wochenendurlaub im Tarnanzug antritt.
Allerdings
ist die Offensive der westlichen Machtstaaten keine, die den Zielen eines
klassischen Imperialismus dient. Die Welt ist erobert und weitgehend
aufgeteilt, die Konkurrenz zwischen den Führungsmächten äußert sich in einem
Gemenge von gemeinsamer Aktion und Rivalität; das Problem besteht vor allem
darin, den Laden zusammenzuhalten. Der kleine dialektische Witz ist, daß dieses
Ziel ohne verstärkt offensives, militärisches Vorgehen, die Absetzung eines
unliebsamen Regimes dort, die Errichtung von zwei, drei, vielen Protektoraten
da, nicht zu erreichen ist. Die Gelegenheiten für alle willigen Militärmächte,
Verantwortung zu übernehmen, werden nicht weniger werden, die Frage Krieg oder
Frieden wird sich an vielen Orten immer häufiger und drängender stellen, und
keine politische oder Menschenrechtsgruppe wird um sie herum kommen.
Unter
diesen Bedingungen wird Friedenspolitik zu einer tatsächlich revolutionären
Aufgabe. Und wenn es dieser Politik ernsthaft um den Frieden geht, dann wird
sie transnational und pazifistisch sein müssen.
Immerhin
hätten wir aus den Erfahrungen der letzten 15 Jahre lernen können, wie es nicht
geht. Versagt hat vor der Frage Krieg oder Frieden jede Art von Realpolitik.
Die Bedeutungslosigkeit, in der die Friedensbewegung verschwunden ist,
resultiert aus ihrer dummen Angewohnheit, in der Hauptsache Politikberatung
machen zu wollen, sich den Kopf der Regierenden zu zerbrechen und stets und
ständig gut durchdachte Alternativvorschläge zu unterbreiten (der letzte
Schrei: die "zivile Konfliktbearbeitung"), ohne einen Gedanken darauf
zu verwenden, ob die staatliche Politik an derartigen Alternativen überhaupt
interessiert ist; und falls nicht, warum nicht… Sehr gerne bewegte sich diese
Friedensbewegung im internationalen Rahmen: wie die Beziehungen zwischen den
Staaten friedlich geregelt werden könnten, war und ist von hohem Interesse. Ob
die Beziehungen zwischen Staaten überhaupt dauerhaft friedlich sein können –
diese Frage wurde hier sowenig gestellt wie unter den Anhängern des nationalen
Befreiungskampfes; man hatte beiderseits wichtigeres zu tun. Und während
einerseits das staatliche Gewaltmonopol nicht angetastet, sondern lediglich
zivilisiert werden sollte, so wollte man sich auf der anderen Seite die Option
der "revolutionären Gewalt" nicht nehmen lassen. Bürgerliche
Friedensfreunde und bewaffnete Befreiungskämpfer haben mehr gemein, als man auf
den ersten Blick vermuten und als die jeweilige Rhetorik vermuten lassen
möchte. Der kleinste gemeinsame Nenner scheint der Rückgriff auf allerlei
Gewalt- und Zwangsmethoden zu sein, die man im Grunde ja mißbilligt, ohne
welche aber leider nicht auszukommen wäre. Die zwangsläufigen Auswirkungen des
Mittels Gewalt – politisch, sozial, psychisch – auf jedes Ziel wurden recht
zurückhaltend erörtert.
Eines
der traurigen Ergebnisse dieser Realitätstüchtigkeit ist, daß niemand sich
ernsthaft an den gewaltträchtigen Grundlagen der Staatlichkeit vergehen mochte.
Bis heute erhebt in Deutschland nur eine Minderheit in der Minderheit die
grundsätzliche, oppositionelle Forderung nach Abschaffung der Wehrpflicht; und
wenn sie denn aus finanziellen Gründen und aus militärischen
Effizienzerwägungen abgeschafft werden sollte, dann wird das friedenspolitisch
die gleiche Wirkung haben, wie die jährliche Rekordzahl an
Kriegsdienstverweigerern gemäß Artikel 4/3 Grundgesetz: gar keine.
Oder
die friedenspolitische Effizienz der grünen Partei – natürlich, darüber wäre
jedes Wort eines zuviel. Lohnenswert mag jedoch der Hinweis sein, daß die
maßgeblichen Akteure dieser Partei, etwa der Außenminister, keineswegs jemals
Pazifisten waren, welche, bevor sie ihre Haltung zur bewaffneten Macht in eine
regierungstaugliche wandelten, ihr ganzes Weltbild über den Haufen schießen
mußten. Daß notfalls auch Gewalt anzuwenden sei, war doch für Herrn Fischer
oder auch die ehemaligen Mitglieder maoistischer Gruppierungen wie Trittin oder
Vollmer nie die Frage; geändert hat sich ihre Haltung höchstens in bezug auf
die Exekutionsbevollmächtigten. Unter diesem Blickwinkel ist der oft bejammerte
Wandel der Grünen gar kein so krasser; und auch daß sie als Teil der
Regierungskoalition Verantwortung für zunehmende staatliche Repression tragen,
unterscheidet sie nicht grundsätzlich von mancher zur Staatsmacht gelangten
nationalen Befreiungsbewegung. Bemerkenswert ist dieser Verein aber vor allem
wegen der Dummdreistigkeit, mit der Leute wie Winfried Nachtwei, die nach
mittelschweren Gewissenserschütterungen dem nächsten Bundeswehreinsatz dann
doch zustimmen, sich nach wie vor als Teil der Friedensbewegung imaginieren:
eben wegen ihrer Förderung der zivilen Konfliktbearbeitung, der durch solche
Protektion längst klargeworden sein sollte, wo ihr Platz und welcherart ihre
Rolle ist – die Friedensfachkräfte räumen die Trümmer weg, die die
Friedenserzwingungsfachkräfte hinterlassen haben.
Das
liegt nicht am individuellen bösen Willen der Akteure staatlicher Politik. Die
Verheerungen, die diese Experten anrichten, resultieren notwendig aus ihrem
berufsbedingten Irrtum, Diplomatie als Gegensatz zum Krieg zu sehen und nicht
als dessen Vor- und Nachspiel. Diese Feuerwehr löscht mit Benzin.
Pazifismus
– nicht Ludger Volmers Begriffsbastard, sondern einer, der, weil er's ernst
meint mit dem Frieden, das Militär aus der Welt schaffen will; und sei es nur,
weil er weiß, daß der menschliche Körper für die, auch friedenserzwingende oder
befreiungskampfmäßige, Konfrontation mit Stahlmantelgeschossen nicht ausgelegt
ist – dieser Pazifismus wird anders vorgehen müssen. (Und wer weiß, vielleicht
nehmen das jetzt auch die Leute zur Kenntnis, die vormals, akademisch geschult,
den "Diskurs des Heroischen" geführt haben…)
Klar
ist, daß sich jede Identifikation mit den Institutionen der Staaten verbietet,
die für universale Menschen- und Freiheitsrechte in den Krieg ziehen: dieser
Feldzug an sich ist es schon, der jene Rechte bis zur faktischen Abschaffung
einschränkt. Die bürgerliche Demokratie wird, je rabiater sie neben den Waren
ihre Werte in die Welt zu exportieren versucht, um so greller zur Operette. Es
gibt ein paar Betätigungsfelder für diejenigen, die nicht mitsingen möchten: immer
noch aktuell ist die Arbeit für eine umfassend verstandene
Kriegsdienstverweigerung; d.h. in Deutschland die Unterstützung totaler KDVer
und transnational die Kooperation mit entsprechenden Gruppen oder Initiativen
in anderen Ländern. Sobald es auch um die Verweigerung von in Deutschland
lebenden ausländischen Staatsangehörigen geht, kommen Asyl- und
Flüchtlingsarbeit ins Spiel.
Ein
gutes Beispiel für derartige transnationale Arbeit ist die Kooperation mit den
KDV-Initiativen in der Türkei. Anfang der 90er Jahre entstanden die ersten
solcher Gruppen in einem vollständig militarisierten Land mit einer – wo noch
vorhanden – vollständig militarisierten Linken. Daß die KDVer in der Türkei
zehn Jahre arbeiten konnten und sich unter schwierigsten Bedingungen ihre
Handlungsfähigkeit bewahrt haben, ist auf recht erfolgreiche transnationale
Solidaritätskampagne ebenso zurückzuführen, wie auf die Konsequenz, mit der die
türkischen KDV-Initiativen ihren eigenständigen Ansatz verfolgt haben. Der
Erfolg dieser Arbeit hätte wesentlich größer sein können, wenn sie nicht in
einem Umfeld hätte stattfinden müssen, welches das Vorurteil, eine grundlegende
Änderung der Verhältnisse sei ohne die Gewaltoption unmöglich, letztlich nicht
überwinden konnte. Dennoch ist hier etwas neues in die türkische Gesellschaft
getragen worden, und es wird sich zeigen, ob und wie dieser Keim sich weiter
entfalten kann: der Gedanke, daß der Kampf nicht um die Macht, sondern gegen
die Macht zu führen ist.
Erst
durch die Verwirklichung dieses Gedankens eröffnet sich die Chance, die
Operettendemokratie vom Spielplan zu nehmen und sie durch etwas anderes als
eine Operettenrevolution zu ersetzen. In einer Welt, in der unterschiedlichste
Gewaltverhältnisse von allen Seiten auf den einzelnen mindestens Druck ausüben,
bis möglicherweise real auf ihn eingeschlagen wird, ist Gegengewalt bestenfalls
noch des Emblem der Revolution; die tatsächlich revolutionäre Handlung ist die
Aufkündigung des Gewaltkonsenses. Die militärische Eroberung von Macht schafft
keinen Freiraum mehr; ein solches Machtgebilde kann, wenn es nicht gleich
wieder in den Weltmarkt integriert wird, seine staatliche Unabhängigkeit nur
noch über eine innenpolitische Repression aufrechterhalten, die um so härter
wird, je mehr der äußere Druck ansteigt – was sich selbst schon bei
quasistaatlich organisierten Nationalbewegungen wie der PKK beobachten ließ.
Transnationale
Solidarität verläßt den Bezugsrahmen staatlicher Beziehungen oder nationaler
Kollektive; sie äußert sich in der selbstorganisierten Zusammenarbeit mit
Menschen, die unabhängig von staatlichen oder quasistaatlichen Institutionen an
ähnlichen Themen arbeiten oder ähnliche Kämpfe zu bestehen haben. Es kann immer
wieder überraschen, was im Laufe einer solchen pragmatischen Kooperation an
inhaltlichen Übereinstimmungen oder Differenzen zu Tage tritt, aber insgesamt,
scheint dieser Ansatz am ehesten geeignet, einige Handlungsfähigkeit
wiederzugewinnen. Selbst wenn man dabei gegenwärtig kaum auf andere als relativ
marginalisierte Gruppen stoßen wird – diese Politik hat zur Zeit durchaus den
Charme des Vorhabens, einen Waldbrand mit dem Waschlappen zu ersticken. Aber
ein anderes Löschmittel ist nicht greifbar, und: uns aus dem Elend zu erlösen,
können wir nur selber tun. Zusammen mit allerlei Leuten an verschiedenen Orten
der Welt, die das auch so sehen und den einen oder anderen gezielten Streich
mit dem Waschlappen anbringen.