Gräfin Dönhoffs Tag
[Kommentar aus Kalaschnikov, Sendung vom 29. Juli 1998]
Ausgewiesene Marion-Gräfin-Dönhoff-Fans wissen natürlich,
daß sie an bestimmten Tagen des Jahres mit Sicherheit auf ihre Kosten
kommen. In der besinnlichen Zeit mit den langen Winterabenden etwa, wenn
die Mitherausgeberin der Wochenzeitung „die Zeit“ gegen Werteverfall anschreibt
und für Gewissensschärfung und Recht auf Würde die
Feder spitzt. Dann liest man in der Weihnachtsnummer von 1997 einen die
ganze erste Seite des Hamburger Blattes in Anspruch nehmenden Aufruf zur
„Verkündung der Menschenpflichten“ und zur Bändigung des Kapitalismus.
Die persönlichen Silvesterwünsche mag uns die Gräfin dort
natürlich nicht vorenthalten:
„Es könnte aber auch sein, daß dieser einleuchtende Appell
das Geflecht von Selbstsucht, Raffgier und Korruption so intensiv beleuchtet,
daß viele Menschen in sich gehen. Vielleicht also kann dieser Appell
an ethische Werte dazu verhelfen, den Kapitalismus zu zivilisieren.“
Introspektion infolge intensiv beleuchteter Selbstsucht und Raffgier, reflektiert
der Leser als schönen Gedanken und wundert sich, warum die Nachricht
darüber, daß Frau Gräfin, die mit dem moralischen Zeigefinger
zu wedeln vermag wie kaum ein protestantischer Pfarrer von der Kanzel,
schon zum zweiten Mal nach einem Autounfall Fahrerflucht begangen hat,
nicht nur nicht auf Seite eins, sondern gar nicht in der „Zeit“ erwähnt
wurde.
Mit solchen Gedanken schleppt man sich als Fan der in die Jahre gekommenen
Preußin unter Umständen - denn allzuviel bringt sie leider nicht
mehr zu Papier - bis in den Sommer hinein, aber dann Ende Juli, endlich,
ist es soweit: Am 20. nämlich ist Dönhoff-Tag, weshalb die schreibende
Gräfin, bescheiden wie sie nun einmal ist, ihren diesjährigen
Sermon betitelt mit: „Der 20 Juli 1944: Ein vergessener Tag“.
Nein, natürlich haben wir den Tag nicht vergessen, wie jeder freilich,
der in der Schule auch nur kurz etwas über den Nationalsozialismus
gehört hat. Der Anschlag von Stauffenberg & Co. gegen Hitler
dürfte dem deutschen Kollektivgedächtnis eher weniger entschwunden
sein als die faschistische Diktatur selbst; lassen doch die Aktivitäten
der Wehrmachtsputschisten genügend Raum für die Mär, daß
Deutschland und Nationalsozialismus nicht ein und dasselbe gewesen
seien. Dieser Legende widmet sich Frau Gräfin seit Jahrzehnten und
Jahr für Jahr:
„Gleich nach dem Krieg, im Sommer 1945, habe ich eine Schrift mit
dem Titel ‚In memoriam 20. Juli‘ verfaßt, weil ich glaubte, daß
bei der strengen Geheimhaltung, die im Kreise der Verschwörer geübt
werden mußte, ... vielleicht nicht bekannt sei, was (die) als Verräter
(V)erleumdeten wirklich getan haben und warum sie es taten.“
Dönhoff war also die erste, die das Thema beackerte, und sie scheint
fast auch den Ehrgeiz zu besitzen, das letzte Wort darüber zu sprechen.
Ein 50 Jahre währendes Lobhudeln auf Kreisauer Kreis und Freunde mag
schon mal dazu verführen, allzu dick aufzutragen. Im vergangenen Jahr
verstieg sie sich zu der absurden Behauptung:
„Es gibt kein anderes Land, in dem führende Vertreter
der Nation um der Moral, des Rechts und der Freiheit willen so große
Opfer gebracht haben“,
was sie mit dem Hinweis begründete:
Nach dem 20. Juli 1944 wurden hingerichtet: 19 Generäle,
26 Obersten, 2 Botschafter, 7 Diplomaten, 1 Minister, 3 Staatssekretäre
sowie der Chef der Reichskriminalpolizei; ferner mehrere Oberpräsidenten,
Polizeipräsidenten, Regierungspräsidenten."
Heuer zählt Marion Dönhoff zwar auch wieder die Tabelle der „19
Generäle, 26 Obersten, 2 Botschafter“ usw. usf. auf, aber diesmal
als Beleg dafür, daß die These falsch sei, die Gruppe der Putschisten
sei ein reaktionärer Grafen-Club gewesen. Denn schließlich seien
alle Schichten der Gesellschaft in den Opferlisten vertreten. Ja, in der
Tat, die Zeit-Herausgeberin kann zweifelsfrei nachweisen, daß nicht
alle Verschwörer einen Adelstitel trugen. Neben von Stauffenberg,
Henning von Treskow, Georg Freiherr von Boeselager, Graf von der Schulenburg,
Helmut Graf Moltke, Peter Graf Yorck, und neben den restlichen adligen
Wehrmachtsoffizieren, den Botschaftern, Diplomaten und Staatssekretären
hat sich tatsächlich der ein oder andere Gewerkschafter befunden.
Und so finden sich dann in der Fronde gegen Hitler alle sozialen Schichten
wieder so wie etwa alle zwei Geschlechter in der Runde der bundesdeutschen
Ministerpräsidenten und -innen.
Keine Grafenclique also. Warum allerdings die Gruppe der Widerständler
nicht reaktionär gewesen sein soll - die Rede war eben vom reaktionären
Grafenclub -, diese Frage uns zu beantworten, hat die Gräfin schlicht
vergessen. Wäre auch schwierig geworden angesichts der antidemokratischen
und autoritären Parolen, der antisemitischen Ressentiments und der
Alternativvorschläge zur „Endlösung der Judenfrage“, die im Kreis
der Verschwörer debattiert wurden. Aber Schwamm drüber, denn
zum Schluß schenkt die Gräfin uns doch noch ein dem Dönhoff-Tag
adäquates Bonmots, das allerdings eher in die besinnliche Jahreszeit
mit den langen Winterabenden paßt:
„Wieviele Opfer haben sie gebracht und wie wenig dabei geklagt -
wie wenig Opfer bringen wir, aber wieviel wird gejammert.“
Früher, unter Hitler, war eben doch vieles besser.