Die Genfer Konventionen - damit sind insbesondere vier völkerrechtliche Verträge gemeint, heute von fast allen Staaten der Welt ratifiziert, die zur Anwendung gelangen, sobald ein bewaffneter Konflikt zwischen zwei oder mehreren Vertragsparteien ausbricht. Das am 12. August 1949 von 59 Regierungen angenommene Vertragswerk unter dem Titel Genfer Abkommen zum Schutz der Kriegsopfer - in der deutschen Gesetzessprache Genfer Rotkreuz-Abkommen genannt - umfaßt die folgenden Einzelabkommen:
Den wesentlichen Kern sowohl der die internationalen Konflikte wie auch der Bürgerkriege betreffenden Artikel bilden bestimmte Garantien für den geschützten Personenkreis. Es sind demzufolge jederzeit und überall verboten: Angriffe auf das Leben und die Person, namentlich Tötung, Verstümmelung, Grausamkeit und Folterung; sowie Geiselnahme und die Beeinträchtigung der persönlichen Würde; Verurteilungen und Hinrichtungen ohne vorhergehendes Urteil eines ordentlich bestellten Gerichts in einem rechtsstaatlichen Verfahren. Dies alles bezieht sich wie gesagt auf den "geschützten Personenkreis", also Verwundete, Kranke, Kriegsgefangene und Zivilpersonen - irgendwer muß den Krieg ja auch noch führen ...
Beauftragt mit der Durchführung der Genfer Konventionen im Kriegsfall ist das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, das insofern eine Sonderrolle gegenüber anderen Hilfsorganisationen einnimmt. Seine Delegierten sorgen für Verwundete und Gefangene und setzen sich für den Schutz von Zivilisten ein. Darüber hinaus verteilen sie nicht nur Nahrungsmittel in Kriegsgebieten, sondern verbreiten auch den Inhalt der Genfer Konventionen.
"Auch der Krieg zwischen Iran und Irak in den achtziger Jahren war grausam, aber in gewisser Weise erinnert sich Angelo Gnaedinger (vom IKRK), der zuletzt im Kosovo war, gerne daran. Zwei Staaten, denen ihr Ansehen in der Welt nicht vollends egal war, reguläre Armeen mit Offizieren, die wußten, was die Genfer Konventionen sind. "Dieser Krieg", sagt Gnaedinger, "war eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln", ein Idealfall für das IKRK. Die meisten Kriege in der Zeit zwischen 1945 und 1989 seien so gewesen."
Lauter Idealfälle für das IKRK. Zufällig befand sich nie ein IKRK-Mitarbeiter in den feindlichen Hospitälern, deren Zerstörung auf den täglichen Fünf-Uhr-Konferenzen keinen Eindruck machte. Eine paradiesische Zeit.
"Selbst Rebellenarmeen verhandelten mit den Delegierten, weil hinter ihnen eine der beiden Supermächte stand, und die -"
Der Korrespondent legt sich in die Kurve:
"- und die legten Wert auf ein bißchen Menschlichkeit im Krieg."
Folglich konnte im Jahre 1982 Nicole mit dem Lied "Ein bißchen Frieden" den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewinnen. Dort aber tritt heutzutage Guildo Horn an, und auch sonst geht alles drunter und drüber:
"Und dann Ruanda: kein Staat, der funktioniert, keine geschulten Kombattanten. Die Delegierten des IKRK wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen und was zu sagen wäre, um das Schlachten unter Nachbarn aufzuhalten."
Zwar haben sie genau das in den bisherigen, ordnungsgemäßen Kriegen auch nicht geschafft, aber in einer halbwegs übersichtlichen Situation mit klar geregelten Kompetenzen und erreichbaren Ansprechpartnern durfte man sich doch noch um einiges wichtiger nehmen als in so einem hingeschluderten Chaos, wo man von einem Buschkrieger zum nächsten geschickt wird und keiner einem sagt, daß man es in diesem Fall doch mal bei der französischen Regierung hätte versuchen sollen. Aber die frage nach den Ursachen der Gemetzel stellt sich weder das IKRK noch der liberale Journalist, denen es beiden ja genauso wenig wie den Genfer Konventionen um die Abschaffung des Krieges geht, sondern bloß darum, daß man ihn nicht übertreiben sollte. Es geht ihnen um die Begrenzung einer Gewalt, deren Sinn sich nur dann erschließt, wenn sie jederzeit ins grenzenlose ausgedehnt werden kann: Wer Krieg führt, will gewinnen.
Daß für den Sieg nicht jeder Preis, egal wie hoch, gezahlt werden darf, stimmte mit der Logik der sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft überein, in der der Soldat nicht mehr Söldner, sondern Staatsbürger sein sollte, und der eben deshalb für ihre Kriege Wehrpflichtarmeen zur Verfügung standen. Die erste Genfer Konvention von 1864 regelte die Behandlung von Verwundeten auf den Schlachtfeldern. Einen Wehrpflichtigen konnte man nicht mehr verbluten lassen wie einen Söldner, der eben sein Berufsrisiko zu tragen hatte. Außerdem wurde das technische Vernichtungspotential eines industrialisierten Staates mit Massenheer zu groß, um es völlig unbeaufsichtigt zu lassen. Die bürgerliche Gesellschaft, die ohne Gewalt nach innen und außen nicht existieren kann, entwickelte die ihr entsprechenden Methoden, um diese Destruktivität auf ein Maß zu reduzieren, daß die Existenz der Gesellschaft an sich nicht gefährdete: Gesetze, Verträge, Konventionen.
Einer Fraktion des Bürgertums ging es dabei nicht nur um die Erarbeitung von "Spielregeln des Krieges" - wie Dirk Kurbjuweit die Gener Konventionen in seinem Artikel in vollem Ernst nennt - sondern um mehr. Mit der Ausarbeitung des Völkerrechts sollte einer Entwicklung die Bahn geebnet werden, die schließlich zum Verschwinden des Krieges und seinem Ersatz durch eine internationale Schiedsgerichtsbarkeit führen sollte. Nicht zufällig wurden nach den ersten Rot-Kreuz-Organisationen gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch die ersten Friedensgesellschaften gegründet; 1892 etwa die Deutsche Friedensgesellschaft.
Wie sehr berechtigt der Versuch der Eindämmung des Vernichtungspotentials der bürgerlichen Gesellschaft war, zeigt sein promptes, katastrophales Scheitern: Diese alte bürgerliche Welt ging im August 1914 unter.
"Das Geschäft gedeiht auf Trümmern. Städte werden zu Schutthaufen, Dörfer zu Friedhöfen, Länder zu Wüsteneien, Bevölkerungen zu Bettlerhaufen, Kirchen zu Pferdeställen; Völkerrecht, Staatsverträge, Bündnisse, heiligste Worte, höchste Autoritäten in Fetzen zerrissen; jeder Souverän von Gottes Gnaden den Vetter von der Gegenseite als Trottel und wortbrüchigen Wicht, jeder Diplomat den Kollegen von der anderen Partei als abgefeimten Schurken, jede Regierung die andere als Verhängnis des eigenen Volkes der Verachtung preisgebend; und Hungertumulte in Venetien, in Lissabon, in Moskau, in Singapur, und Pest in Rußland, und Elend und Verzweiflung überall."
So beschrieb Rosa Luxemburg 1915 die Realität der von Kurbjuweit und dem IKRK jüngst entdeckten "neuen Kriege". Wenn sie auch die Katastrophenfreudigkeit der bürgerlichen Politik recht genau einschätzte, konnte sie doch die Vernichtungsexzesse, die später in bislang historisch einmaliger Form Deutschland zu verantworten haben sollte, und das weiterhin aufgehäufte latente Destruktionspotential nicht voraussehen. Nicht das Bestehen auf "ein bißchen Menschlichkeit im Krieg", nicht die Wertschätzung, derer sich die Genfer Konventionen zwischen 1945 und 1989 angeblich erfreuten, haben dazu beigetragen, einige Kriege in dieser Zeit in einem Rahmen stattfinden zu lassen, den ein bürgerliches Strategenhirn für vernünftig und den Spielregeln entsprechend befinden kann, sondern schlicht die reale Gefahr, durch den atomaren Overkill den Planeten unbewohnbar zu machen. Außerdem konnte sich ein Staatschef oder warlord - der Unterschied ist ein gradueller - unter den Bedingungen der Blockkonfrontation Vorteile davon versprechen, nicht bis zum Äußersten zu gehen; es gab noch etwas zu gewinnen im Windschatten einer der rivalisierenden Supermächte.
Heute haben weder die warlords noch ihre Anhänger mehr etwas zu verlieren:
"Typisch ist folgende Situation: eine Straßensperre, ein Haufen junger Lümmel mit Kalaschnikow, je später der Tag, desto betrunkener, die verzweifelte Suche nach einem Argument, warum es für diese Leute sinnvoll sein kann, einen Transport mit verwundeten Gegnern durchzulassen."
Verzweifelt, allerdings. Denn es ist für sie schlicht nicht sinnvoll, die verwundeten Gegner durchzulassen, statt sie an Ort und Stelle abzuschlachten. Die Kindersoldaten, die Kurbjuweit beschreibt und die so bedauerlich wenig von den Genfer Konventionen wissen, üben den einzigen Beruf aus, der ihnen überhaupt noch über den jeweiligen Tag hilft: sie leben vom töten. Das ist in einer Situation, in der ganze Kontinente abgewrackt werden, wie zum Beispiel Afrika, weil nicht einmal mehr ihre Ausbeutung lohnt, wohl nicht anders zu erwarten. Vor gut 10 Jahren noch konnte man auf den Libanon als auf ein einsames Schreckensbeispiel eines in blutigem Chaos zerfallenden Staates verweisen; heute kann man schon eine ganze Liste mit Ländern aufstellen, gegen die der Libanon wie eine Vorübung erscheint. Kurbjuweit:
"...für die nahe Zukunft erwartet das IKRK ein neues Gemetzel im Länderdreieck Kongo, Burundi, Ruanda."
Das passiert wohl einfach so. Was dagegen zu tun wäre? Gilbert Holleufer vom IKRK hat eine Botschaft, und er hat ein Video.
"Holleufers Botschaft heißt: Wenn irgendwo die Genfer Konventionen verletzt werden, bist auch du ein Opfer. Es sind Regeln, die dich etwas angehen, und sie werden verletzt. Morgen kannst du dran sein."
In dem Video, das im Auftrag des IKRK gedreht wurde und über die Genfer Konventionen aufklären soll, sind Kampfszenen zwischen Halbwüchsigen in Liberia verschnitten mit Gewaltbildern aus europäischen Fußballstadien. Ich nehmen an, so etwas nennt sich politische Bildung und wird demnächst die Welt retten. Und wenn nicht, haben wir noch was in der Hinterhand. Das letzte Mittel. Die ultima ratio. IKRK-Mitarbeiter Andreas Kuhn:
"Wir brauchen eine politisch-militärische Absicherung. (...) Für Neutralität ist nicht mehr viel Platz in den neuen Kriegen."
Und das wäre tatsächlich mal was neues. Denn auf die strikte Neutralität hat man beim Roten Kreuz bisher doch gehalten. Aber auch hier gebiert die Unfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft, die Ursachen für das Versinken eines Teiles der Welt in Barbarei in sich selber zu suchen, schließlich nur den Ruf nach der besseren, der menschlichen, der eigenen Armee:
"Die Delegierten waren immer Krieger des Wortes, aber jetzt haben sie das Vertrauen in die Worte verloren. Wenn sie keine Botschaft mehr finden oder sie nicht durchsetzen können, sollen Soldaten für Menschlichkeit im Krieg sorgen."
Das ist einerseits ein Witz. Das wird andererseits blutiger Ernst.