Aufruf zum Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung in Istanbul

 

„Mili-Tourismus“ in Istanbul

 

 

 

(Quelle: DFG-VK Berlin-Brandenburg, Email vom 13.5.04)


 

Wir leiten hier eine Erklärung einer privaten Berliner Delegation weiter, die sich derzeit in Istanbul aufhält. Am kommenden Samstag, 15. Mai, wird die Delegation an der dortigen Veranstaltung zum Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung teilnehmen. Auf Wunsch senden wir den englischsprachigen Aufruf sowie die türkische Originalfassung zu. (DFG-VK Berlin-Brandenburg)

 

 


Im Folgenden senden wir (eine fünf Personen zählende, eigens zusammengestellte Delegation aus Berlin) Ihnen eine Ankündigung für eine antimilitaristische Aktion in Istanbul zu. Nach der Aktion am 15. Mai 2004 verfassen wir einen Bericht und versenden ihn ebenfalls. Bei Rückfragen können Sie sich über die email-Adresse delegatio@yahoo.de an uns wenden.

 

Am 15. Mai findet in Istanbul nicht nur die Endausscheidung des Grand Prix d' Eurovision, sondern auch ein von Istanbuler Gruppen organisierter antimilitaristischer Aktionstag statt. Unter dem Motto „Mili-Tourismus“ führen die Gruppen IAMI (Istanbuler Antimilitarismus-Initiative) und KECI (Gruppe zur Bekämpfung des Heterosexismus) Interessierte zu ausgesuchten Militärorten. Dort werden Aktionen durchgeführt, welche die massive Präsenz des türkischen Militärs im Istanbuler Alltag ironisch aufgreifen und damit die Unantastbarkeit des Militärs in Frage stellen sollen.

 

Für Männer gibt es in der Türkei keine Möglichkeit, sich dem Wehrdienst zu entziehen. „Frauen“, „Behinderte“, „Verrückte“ und „Homosexuelle“ sind dagegen unerwünscht und werden ausgemustert. Die Tatsache, dass Schwule wiederholt aufgefordert wurden, ihre Homosexualität mit Fotos und Videoaufnahmen zu belegen, hat in der Vergangenheit schon für einiges Aufsehen gesorgt.

Die Übrigen erwartet eine 15-monatige Militärzeit, die in der türkischen Gesellschaft als Eintrittskarte ins Erwachsenenleben angesehen wird. Wer keinen Militärdienst vorzuweisen hat, hat Schwierigkeiten, eine Wohnung oder eine feste Anstellung zu finden. Und viele müssen das Ende ihres Dienstes abwarten, um von ihren Familien die Erlaubnis zur Heirat zu bekommen.

 

Es gibt zur Zeit in der Türkei ca. 30 Männer, die öffentlich erklärt haben, dass sie den Militärdienst verweigern. Sie nehmen damit Repressionen bis hin zu mehrjährigen Gefängnisstrafen in Kauf, wie der Fall von Osman Murat Ülke zeigt: Wegen seiner 1996 öffentlich erklärten Kriegsdienstverweigerung war er drei Jahre in verschiedenen Militärgefängnissen inhaftiert und wurde erst nach anhaltenden internationalen Protesten wieder freigelassen.

 

Am kommenden Samstag, als Auftakt des Aktionstages, werden einige Totalverweigerer am Bahnhof von Haydarpasa feierlich empfangen. An diesem Bahnhof werden üblicherweise die jungen türkischen Männer mit Musik und Blumen in ihren Militärdienst verabschiedet.

Wir als Deutsche Delegation werden zusammen mit einem Beobachter von „Food not Bombs“ aus den USA versuchen, die Aktion bis zum Ende zu begleiten und hoffen auf eine gelungene Veranstaltung.