Erfolgreiche Kriegsdrohung gegen Jugoslawien.

[Kommentar zur Auseinandersetzung um die serbische Provinz Kosovo, Radio Unerhört Marburg, "Frühschicht", 14. 10. 1998] 

Die offene Drohung der NATO mit einem Angriffskrieg gegen Jugoslawien war erfolgreich. Milosevic akzeptierte das Diktat für eine Regelung des Status der serbischen Provinz Kosovo, insbesondere die Stationierung von 2000  Beobachtern und die Kontrolle des Luftraums durch NATO Flugzeuge, die damit praktisch ein Protektorat errichtet. Dieser Ausgang des Dramas war angesichts der hoffnungslosen Unterlegenheit Jugoslawien zu erwarten. Auch die Proteste Russlands und seine Ankündigung, im Kriegsfall die militärischen Beziehungen zu Jugoslawien wieder aufnehmen zu wollen, wurden von der NATO ignoriert. Das Fehlen einer völkerrechtliche Grundlage für die militärische Erpressung Jugoslawiens interessiert ebensowenig, wie die Verfassungswidrigkeit der deutschen Beteiligung an diesem angekündigten Angriffskrieg. Rechtsfragen sind Machtfragen, und es gibt keine Macht, die die USA und ihre Verbündeten zur Einhaltung des Völkerrechts zwingen könnte, genausowengig wie es in Deutschland nennenswerte Kräfte gibt, die auf die Einhaltung des in Artikel 26 Absatz 1 des Grundgesetzes festgeschriebenen Verbots des Angiffskriegs pochen.
 Die Beteiligung der Bundeswehr an imperialistischen Strafaktionen ist in den letzten Jahren für die Öffentlichkeit selbstverständlich geworden. Die Berichte über die angeblichen oder tatsächlichen serbischen Kriegsgreuel fielen dementsprechend eher bescheiden aus - wenigstens unterblieb dabei auch die aus dem Bosnienkrieg so beliebte Gleichsetzung mit dem Holocaust. Alles das ist eben auch überhaupt nicht mehr nötig. Am Freitag wird der Bundestag mit einer überwältigenden Mehrheit einer Bundeswehrbeteiligung an möglichen Luftangriffen zustimmen. Die Grünen erhalten so direkt am Anfang ihrer Karriere als Regierungspartei Gelegenheit, unter Beweis zu stellen, wie gründlich sie mit ihren pazifistischen Jugendsünden gebrochen haben. Schliesslich hat auch Bill Clinton seinerzeit gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Man versteht sich.
Kein unnötiges humanitäres Brimborium also. Die Rede von der drohenden Katastrophe im Kosovo wirkt ebenso abgedroschen, wie die Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte. So legitimiert man eben seit 1989 Militäraktionen, wobei völlig klar ist, dass man das, was man in Jugoslawien verurteilt, andernorts unterstützt, den Kampf der türkischen Armee gegen die PKK beispielsweise. Kein Zufall dürfte es auch sein, dass die NATO mit ihrem Eingreifen erst abgewartet hat, bis die grossalbanischen Rebellen der UCK eine entscheidende Niederlage durch serbische Truppen erlitten haben. So funktioniert internationale Politik, der Kampf um die Stellung in der Hierarchie der Staaten. Die Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte, die ja von jedem Staat verletzt werden, ist nichts weiter als eine selbsterteilte Generalvollmacht zur Durchsetzung der eigenen Interessen, wann und und wo es beliebt. Die USA bekräftigen ihre führende Stellung, gerade auch gegenüber den eigenen Verbündeten, indem sie die Initiative übernehmen und ihre ordnungspolitischen Vorstellungen duchsetzen. Sie zeigen Stärke in einer Situation, in der sie sich gleichzeitig den Luxus gönnen, ihren obersten Repräsentaten zur Lachnummer der Weltöffentlichkeit zu machen.  Eine derart durchgesetzte "Autonomie" unter NATO Oberhoheit gibt auch Deutschland wieder freie Hand um  Flüchtlinge in den Kosovo abzuschieben, in einen verelendeten, kriegszerstörten Landstrich.

RG