[Eine Fernsehkritik für Kalaschnikov vom 8. Mai 1997]
Inzwischen hat sich auch die Unterhaltungsbranche des Themas "Bundeswehr in aller Welt" bemächtigt. Am Freitag zeigte der Fernsehsender Pro7 den Krimi: "Die Friedensmission - Zehn Stunden Angst".
Ort der Handlung: Bosnien-Herzegowina, nachgestellt auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz der sowjetischen Armee in Ostdeutschland. Die Akteure: Bundeswehrsoldaten, Teil des deutschen IFOR-Kontingents; Einheimische unbestimmter Volksgruppenzugehörigkeit, teils wehrlos, teils bewaffnet und schießwütig. Die Handlung: Bundeswehrsoldaten entdecken plündernde Einheimische, Mutter und Kind; Kind zückt Spielzeugpistole, Mutter nimmt Spielzeugpistole ab; einer der drei Soldaten hält die Spielzeugpistole für ´ne echte, fühlt sich bedroht, rastet aus, erschießt die Mutter und einen Kameraden; versucht dann, die übriggebliebenen Zeugen zu beseitigen, insbesondere das Kind, das ihm aber entkommt, ebenso wie der andere Kamerad. Stop - wie ging´s weiter? Es ist nicht ganz leicht eine reichlich abstruse Story nachzuerzählen. Jedenfalls versucht der Mörder, das Kind in seinem Heimatdorf zu erledigen, schaut aber vorher noch mal in der Kaserne vorbei, obwohl die offenbar in genau entgegengesetzter Richtung liegt. Seltsam.
Dort in der Kaserne tritt dann die eigentliche Hauptfigur auf den Plan: Der Militärpfaffe, im Herzen Pazifist. Er und der überlebende Kamerad versuchen nun vor dem Mörder das Dorf zu erreichen, um a) das Kind zu retten und ihn b) zu stellen und zum Aufgeben zu bewegen. Dabei stellt sich dann allerdings heraus, wie könnte es auch anders sein, daß derjenige von den beiden Soldaten, der die ganze Zeit für den Mörder gehalten wurde, eigentlich der Gute ist, und umgekehrt. Jedenfalls: Das Kind wird gerettet, der Mörder gestellt, erschießt sich allerdings prompt mit seiner Dienstpistole. Seine letzten Worte: "Ich bin doch immer ein guter Soldat gewesen." Also ist ein guter Soldat auch ein guter Mörder? So hart wollen wir es dann doch nicht sehen, denn im Inneren ist er ja auch ein guter Kerl, der seine Tat bereut und sich deshalb selbst richtet. Schließlich hat er ja auch eher im Affekt gehandelt.
Der deutsche Landser des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts ist keine rassistische Bestie, jedenfalls nicht mehr, die sich am Leid von Zivilisten delektiert. Von den Amerikanern hat man inzwischen offenbar gelernt, wie man Kriegsfilme dreht, die sich sehr kritisch gerieren, aber keine grundlegenden Zweifel an der Armee und der Berechtigung ihres Einsatzes aufkommen lassen. Nun gut, das ist immer noch besser als eine offene Glorifizierung militärischer Gewalt. Insofern ist es Teil der jener, um mal mit Hannah Arendt zu reden, "segensreichen Heuchelei der Bourgeoisie", die die demokratische Variante bürgerlicher Herrschaft im Gegensatz zur faschistischen auszeichnet und die Gewaltexzessen deutliche Grenzen setzt. Verlogen und ärgerlich ist es trotzdem, weil jene pseudokritische Haltung wesentlich zur Legitimation der out of area Einsätze der Bundeswehr beiträgt. So auch im vorliegenden Fall: Selbstverständlich ist es notwendig, daß die Bundeswehr im ehemaligen Jugoslawien einmarschiert ist, gerade weil die Zustände dort derart katastrophal sind. Selbstverständlich war auch der Täter ein humanistisch denkender, letztlich von Gewissensbissen geplagter Mann. Und kein militanter Rassist, wie jene Bundeswehrsoldaten, die neutlich in Detmolt Jagd auf Ausländer gemacht haben, oder jene belgischen Soldaten, die inzwischen wegen der Folterung von Somalis während der Intervention am Horn von Afrika vor Gericht stehen.
Im übrigen scheint mir aus Krimis, die mit dem Tod des Täters enden, immer eine kaum verholene Sehnsucht nach der Todesstrafe zu sprechen.
RG