Von Matthias Küntzel
Am 19. April 2001 referierte Matthias Küntzel in Marburg zum Thema "Vom Kosovo-Krieg zur Mazedonienkrise". Der folgende Text, der in gekürzter Form in der Mai-Ausgabe der Hamburger Zeitschrift "konkret" erschien, entspricht in Teilen dem Vortrag in Marburg, weshalb wir ihn hier dokumentieren.DFG-VK Marburg
Tosender Beifall für den Kanzler. Zu Tausenden strömten die
Kosovo-Albaner im Juli 1999 in Prizren zusammen, um Gerhard Schröder
mit "Deutschland Deutschland"-Rufen zu feiern. "Es ist schon beeindruckend
und hat mich tief berührt", bekannte er später, "als ich in Prizren
auf der einen Seite deutsche Panzer und deutsche Soldaten mit Maschinenpistolen
gesehen habe,und auf der anderen Seite konnte ich miterleben, wie mit ungewöhnlich
euphorischem Jubel ein deutscher Bundeskanzler begrüßt worden
ist. Ich finde, dass das vor dem Hintergrund der spezifisch deutschen Geschichte
in dieser Region eigentlich jeden berühren muss." Welche Geschichte
hatte Schröder hier eigentlich gemeint? Im September 1943 etablierte
die Wehrmacht in Prizren unter dem Beifall der Kosovo-Albaner eine "Zweite
Prizren-Liga", deren einziger Zweck die Tötung und Vertreibung der
Serben zur Schaffung des "ethnisch reinen" Großalbaniens war. Im
Februar 1944 wurde die albanische SS-Division "Skanderbeg" in Prizren stationiert.
Im Oktober 1944 startete die deutsche SS von hier aus ihren letzten Versuch,
den Sieg der Allierten doch noch aufzuhalten. Damals wie heute steht diese
Stadt im Zentrum der deutschen Großalbanien-Politik. Damals wie heute
werden hier Deutsche umjubelt, während alle Nicht-Albaner um ihr Leben
fürchten. Seit dem März 2001 spitzt die Situation sich weiter
zu: In Verbindung mit der UCK-Offensive gegen Tetovo hat Deutschland erstmals
öffentlich die Großalbanien-Idee protegiert. Der Blick auf die
Geschichte aber offenbart, dass sich die Anflüge einer neuen deutschen
Großalbanien-Politik unvermeidlich in jenen Spuren bewegen, die der
Nationalsozialismus geschaffen hat. Gleichzeitig macht er den instrumentellen
Charakter der deutschen Vergangenheitspolitik offenbar: Je beherzter die
Bundesregierung an die Elemente der nationalsozialistischen Kosovo-Politik
anknüpft, desto weniger ist die öffentliche Meinung an Kenntnissen
darüber interessiert.
Vom italienischen...
Als Antwort auf den deutschen Einmarsch in Prag wurde Albanien am 7.April
1939 von italienischen Truppen besetzt. Dies Land war das mit Abstand ärmste
und rückständigste Europas. Zwei Drittel seiner Einwohner war
tribalistisch organisiert und der Blutrache treu geblieben. Die miserable
Infrastruktur verstärkte die Isolation der von Familienclans regierten
Regionen. Von albanischem Nationalbewußtsein konnte unter diesen
Umständen keine Rede sein. 1941 überfiel und besiegte Deutschland
Jugoslawien. Nach mehrtägigen deutsch-italienischen Verhandlungen
teilte man das bis dahin jugoslawische Kosovo in drei Besatzungszonen auf:
Bulgarien bekam den östlichen, an Mazedonien grenzenden Gebietsabschnitt
zugesprochen. Deutschland sicherte sich die rohstoffreiche Gegend um Mitrovica
im Norden der Provinz, während der größte Teil des Kosovo
unter italienische Kontrolle gelangte und am 12. August 1941 mit dem italienisch
beherrschten Kern-Albanien als "Großalbanien" fusioniert wurde. Das
Verhältnis zwischen italienischen Besatzern und Kosovo-Albaner war
von Anfang an gespannt. So ging der Terror kosovo-albanischer Milizen gegen
die Serben den faschistischen Besatzungsbehörden oft zu weit: Wiederholt
eröffneten die italienischen Streitkräfte das Feuer, um Kosovo-Albaner
von Massakern an Serben abzuhalten. Gezielt wurden italienische Truppen
in den Städten stationiert, um die Gewalt in Schranken zu halten.
Nicht nur aus diesem Grund "haben die Albaner die Italiener niemals respektiert.
Den Albanern missfiel die gesamte italienische Weltanschauung und sie mochten
nicht, was sie als schwache und nicht-maskuline Form der Selbstdarstellung
und des Verhaltens bei den Italienern wahr genommen haben. Viele Albaner
glaubten, dass die Italiener Lügner und Heuchler seien. "Deutsche
Besatzer und Kosovo-Albaner verstanden sich dagegen besser. Sogewährte
die Nazi-Generalität in der deutschen Zone den Kosovo-Albanern ein
weitaus höheres Maß an Autonomie als in der italienischen. Damit
knüpfte die Wehrmacht an die Tradition der östereichischen Kosovo-Besetzung
im I. Weltkrieg an. 1916 wie 1941 wurden den Kosovo-Albanern autonome Verwaltungen
eingeräumt und die Benutzung des Albanischen als Amtssprache erlaubt.
Und nicht nur 1941 bis 1944,sondernauch schon 1916 bis 1918 "wurden mit
dem Ziel, die serbische Präsenz in der Region zu unterminieren, mehr
als 300 albanischsprachige Schulen eröffnet." Diese antiserbisch orientierte
"Schul"politik hat den spezifischen Nationalismus der Kosovo-Albaner erst
hervorgebracht oder geprägt.
...zum deutschen Großalbanien
Nach dem Sturz Mussolinis im September 1943 besetzten deutsche Truppen
die großalbanische Region, um mit einem Minimum an Wehrmachts verbünden
die Landung des Kriegsgegners an der albanischen Küste zu verhindern.
Vor dem Einmarsch der deutschen Truppen wurde das Land mit Flugblättern
überschüttet, in welchen Nazi-Deutschland sich als Schutzmacht
Albaniens im Kampf gegen seine Feinde - hier Italien und die Anglo-Amerikaner,
dort Rußland und die Serben - empfahl. Der Versuch, eine deutschfreundliche
Marionettenregierung in Tirana zu etablieren, schlug angesichts des absehbaren
alliierten Sieges zunächst fehl. Nun wurde das Kosovo der maßgebliche
Hebel der deutschen Albanienpolitik. "Dort wohnen die rassisch besten und
politisch entschlossensten, soldatisch geeignetsten Elementedes albanischen
Volkes", schwärmte Neubacher im September 1943 in einemTelegramm nach
Berlin. "Es besteht die Möglichkeit,", so Neubacher weiter, die "kossowanische
Miliz ... in Tirana antreten zu lassen, welche die Freiheitsbewegung in
Schwung bringen soll." Und schon wurden die Kosovo-Albaner mit akuell anmutenden
Argumentationsmustern umbuhlt: "Die Deutschen erweckten den Eindruck",
schreibt der amerikanische Historiker B.J. Fischer, "dass erst jetzt, mit
ihrer Ankunft, eine wirkliche Vereinigung des Kosovo mit Albanien erreicht
würde. ... Die Deutschen versäumten es nicht, die Albaner daraufhin
zuweisen, dass die Alliierten in Sachen Kosovo auffällig schweigsam
gewesen sind - ein Hinweis auf deren Absicht, es erneut den Jugoslawen
zurückzugeben - und dass die Alliierten weder eine albanische Exilregierung
noch ein albanisches Exilkomitee anerkannt und damit die Frage der Existenz
eines albanischen Staates in der Nachkriegswelt in der Schwebe gelassen
haben." Die so eingesetzte Kosovo-Karte zog: Noch im September 1943 wurde
ein hauptsächlich aus Kosovo-Albanern bestehendes Nationalkomitee
installiert und in Tirana die "Unabhängigkeit" Albaniens erklärt.
Deutschland freilich blieb das einzige Land, dass das "unabhängige"
Großalbanien diplomatisch anerkannte. Mit dem "laschen Besatzungsregime"
gegenüber den Serben war es nach Beendigung der italienischen Phase
vorbei. Von nun an ließ man den Massakern der kosovo-albanischen
Milizen an Serben freien Lauf. Noch im September 1943 wurde mit tatkräftiger
deutscher Unterstützung eine "Zweite Prizren-Liga" gebildet, deren
erklärtes Ziel "ein ethnisch reines Großalbanien" war. Die blutige
Vertreibung der Serben, die die über12.000Mitglieder zählende
Liga nun ins Werk setzte, fand unter deutscher Aufsicht und deutscher Anleitung
statt. Neben der "Zweiten Prizren-Liga" rekrutierte die Wehrmacht ein 600-700
Mann starkes Bataillon, das ausschließlich aus deutschfreundlichen
Kosovo-Albaner bestand und als Eliteeinheit nach Tirana geschickt wurde.
Ende 1943 wurden weitere 1.200 kosovoalbanische Gendarmen von Mitrovica
nach Tirana entsandt. Im Februar 1944 gab Adolf Hitler, der "für die
letzte romantische Ecke Europas sehr viel übrig hatte" den Befehl,
aus "diesem Bergvolk stolzer Waffenträger" (Neubacher) einen eigenständigen
SS-Verband, die "SS-Division Skanderbeg", zu etablieren. Diese 6.500-köpfige
Division wurde aus den albanischen Einheiten der 13.SS-Bosniaken-Gebirgsdivision
sowie aus albanischen Milizen zusammmengestellt. Ihr Standort war Prizren,ihr
hauptsächliches Operationsgebiet das Kosovo, ihr erklärter Auftrag
der"Schutz" des "ethnisch reinrassigen" Albaniens. "Schutz" bedeutete:
Wer nicht dazugehörte, wurde getötet oder Greueln ausgesetzt
und verjagt. "Die Einheiten dieser Division", schreibt Fischer," erwarben
sich schnell eine höchst unvorteilhafte Reputation, da sie, besonders
in den serbischen Gebieten, das Vergewaltigen, Plündern und Ermorden
dem Kämpfen vorzogen." Die außerordentliche Brutalität
der "Skanderbeg-Division" ist vielfach belegt. So tötete sie am 28.
Juli1944 im Dorf Veliko 380 Ortsansässige (darunter 120 Kinder) und
steckte 300 Häuser in Brand. Im April 1944 deportierte sie 300 Juden.
Zwischen dem 28.Mai und 5. Juli "hob die SS-Division auf albanischem Gebiet
weitere 510 ,Juden, Kommunisten, Partisanen und verdächtige Personen'
aus", berichtet Raul Hilberg. "249 von ihnen wurden abtransportiert." Auch
die Roma der Region Kosovo, die bis September 1943, mit gelben Armbinden
gezeichnet, Zwangsarbeit leisten mussten, wurden nach Übernahme des
Kosovo durch die Deutschen deportiert und in Konzentrationslager in Jugoslawien,
aber auch nach Buchenwald und Mauthausen verschleppt. Entgegen der später
in Tirana gepflegten Legende war das Kosovo auch für Titos Partisanen
die mit Abstand unerfreulichste Region. "Die Bewegung im Kosovo ist sehr
schwach, fast tot", heißt es in einem Lagebericht der KP Jugoslawiens
vom August 1943. Unter der Herrschaft der Deutschen verschlimmert sich
die Situation. In einem Bericht an das ZK der KP Jugoslawiens von Anfang
1944 erklärte die kleine und isolierte kommunistische Gruppe dieser
Provinz, dass hier die albanischen Massen die nationalsozialistischen Besatzer
als ihre Befreier und die Deutschen als ihre größten Freunde
betrachteten: Selbst Ende 1944, als die südalbanischen Partisanen
die Wehrmacht schon indie Flucht getrieben und Albanien befreit hatten,
blieb speziell dasKosovo noch im Lager der Achsenmächte verankert.
Keineswegs zufällig unternahm gerade hier die SS ihren letzten Versuch,
den unvermeidlichenSieg der Allierten noch aufzuhalten. Nachdem ihnen der
Boden in Tirana zu heiß geworden war, setzten sich die beiden zurückgebliebenen
Statthalter Deutschlands im Oktober 1944 nach Prizren ab und unterstützten
dieErrichtung einer antikommunistischen Regierung im Kosovo unter Führung
ihres langjährigen Freundes, des Kollaborateurs Xhafer Deva, und führten
ihr große Mengen an Waffen, Munition, Lebensmittelvorräten und
vermutlich auch Agenten zu. Die Deva-Truppen sollen um die Jahreswende
1944/45 übermehr als 6000 Soldaten verfügt haben, ihr örtliches
Zentrum war die Drenica-Region. Der Widerstand der Deva-Truppen gegen Titos
Partisanenarmee dauerte von November 1944 bis Mai 1945 und konnte erst
nach dem Einsatz einer 30.000-köpfigen Partisanenarmee zerschlagen
werden. Die Großalbanien-Idee blieb jedoch virulent und lebte Anfang
der 80erJahre im Kosovo wieder auf.
Das Pogrom als Programm
Seit Titos Verfassungsänderung von 1974 konnte von einer Diskrimierung
der Kosovo-Albaner keine Rede sein. Im Gegenteil: Diese genossen sämtliche
Rechte und kontrollierten das gesamte "albanisierte" Kosovo. Dennoch stand
für die Nationalisten auch in dieser Situation die Vertreibung und
Drangsalierung aller Nicht-Albaner ganz oben auf der Tagesordnung. Das
Ziel dieser Bewegung ist "ein ,ethnisch reines', das heißt von Serben
und anderen Slawen ,gesäubertes Gebiet', in dem nur Albaner siedeln",
berichtete 1986 Die Welt. "Das Ziel der radikalen Nationalisten ist...ein
,ethnisches Albanien, das West-Mazedonien, Süd-Montenegro, Teile des
südlichen Serbiens, Kosovo und Albanien umfasst", notierte 1987 die
New York Times. Die Flucht der Slawen vor der andauernden Gewalt verwandelt
das Kosovo in eben das, was die Nationalisten unter den ethnischen Albanern
seit Jahren ... fordern - in eine ,ethnisch reine' Region. "Mit der deutschen
Einheit von 1990 kam auch die traditionelle Schutzmacht der Großalbanien-Idee
wieder ins Spiel. Noch im selben Jahr erklärten die Kosovo-Nationalisten
ihre Provinz für unabhängig. Ibrahim Rugova wurde zum "Präsidenten"
und Bujar Bukoshi zum "Regierungschef" eines "unabhängigen Kosova"
ernannt. Beide machten aus ihrer weitreichenden Zielsetzung keinen Hehl.
"Ich persönlich strebe eine Vereinigung mit Albanien an", erklärte1991
Rugova. "Die beste Lösung wäre allerdings, alle Albaner könnten
in einem Staat zusammenleben, auch die Albaner in Mazedonien müßten
daran beteiligt werden." Bujar Bukoshi, der seine "Exilregierung" nicht
zufällig in Deutschland installierte, stand dem nicht nach: "Wir werden
alles tun, damit die freie Republik Kosovo und Albanien eines Tages eins
werden", zitierte ihn die taz und fügte hinzu: "Schon lernen die Kinder
in den Privatschulen, wie sie sich bei einem ,Vertreibungskrieg' zu verhalten
haben." In der Tat: Dieses Privatschulprogramm der Kosovo-Albaner - von
Deutschland aus geleitete, von albanischen Migranten finanzierte und von
der Bundesregierung politisch unterstütze - setzte mit seinen "grotesk
nationalistisch und antiserbisch" (W. Oschlies) ausgerichteten Materialieneben
jene "Bildungsarbeit" fort, die 1944 in den deutschen Besatzungszonen abgebrochen
worden war. Die ersten Sprengsätze für ein neues Großalbanien
gingen Februar 1996hoch: Als erste öffentlichen Aktion attackierte
die UCK fünf serbische Flüchtlingslager zeitgleich mit Bombenanschlägen.
So begann, wie ein UCK-Sprecher später erklärte, "der Krieg für
die Befreiung der Kosovo-Territorien, die von Serben, Makedonern und Montenegrinern
okkupiert sind." Es ist kein Zufall, dass schon diese erste Aktion die
Handschrift der alten SS-Division "Skanderbeg" trug. Viele Führungskader
der UCK, so etwa ihr Gründer Adem Jashari, wurden als die Kinder oder
Enkel von Angehörigen der alten SS-Division Skanderbeg rekrutiert.Gern
prahlt auch die rechtsextreme albanische Organisation "Balli Kombetar"(Nationale
Front), die 1944 zu den wichtigsten Stützen der Nazi-Herrschaft zählte,
mit ihrem Einfluss in der UCK. Mit einigen Gebräuchen knüpfte
die UCK auch unmittelbar an ihre Nazi-Vorläufer an. So werden bis
heute zumindest die mazedonischen UCK-Mitglieder in Anlehnung an das 1941
in Prizren stationierte faschistische Schwarzhemden-Bataillon in eine schwarze
Kluft gesteckt. Und auch ihr ursprünglicher Gruß - geballte
Faust an die Stirn - entstammt der faschistischen Tradition. Erst nachdem
dies bei historisch versierten Beobachtern Irritationen auslöste,
wurde der militärische Gruß dem in der Nato üblichen angepasst.
Der wichtigste Kontinuitätsbezug zwischen der SS-Division Skanderbeg
und der UCK liegt in der Tatsache begründet, dass es beiden nicht
um irgendeine Form albanischer Eigenstaatlichkeit, sondern stets um eine
"ethnisch reine" Eigenstaatlichkeit gegangen ist, die alles, was vom völkischen
Homogenitätsideal abweicht oder an die ehemalige serbische Herrschaft
erinnert, zerstören und ausrotten will. Ihr Freiheits-Begriff ist
am nationalsozialistischen "frei von" orientiert: Frei von Juden, frei
von Roma, frei von Türken und mazedonischen Slawen. Dieses Verständnis
von"Befreiung" hatte die UCK von Anbeginn in den von ihre kontrolliertenGebieten
vorgeführt. "In den solchermaßen befreiten Dörfern verbot
die UCK alle politischen Parteien und ging gewaltsam gegen die Minoritäten
der Serben, Roma und Goranen (islamische Makedonier) vor." Mit diesem völkisch-faschistoiden
Gesellschaftsmodell ist das wohl wichtigste Merkmal des Projekts "Großalbanien"
benannt.
Schutzzone für die UCK
Seit Beginn des Nato-Protektorats im Kosovo wurden alte Erinnerungen
an das Großalbanien der Jahre 1943/44 wach. Als die deutschen Truppen
in Prizren einmarschierten, wurden sie wie alte Wehrmachtsfreundebegrüßt."Sicher
hatten es die Deutschen von der ersten Stunde an leichter als die übrigen
Kfor-Truppen", berichtete der Spiegel. "Deren Parteinahme zu Zeiten Hitlers
für die Unabhängigkeit der Albaner haben die heute noch lebenden
Jahrgänge absichtsvoll zu einer geschichtlich beglaubigten Bruderschaft
verewigt und an ihre Enkel weitergereicht. ... Wie anno1943... preisen
besonders die UCK-Hierarchen den ,historisch belegten Pakt'." In einem
"Leitfaden für Bundeswehrkontingente im Kosovo" hat die Bundesregierung
diese Verbrüderungen thematisiert. "Es ist nicht auszuschließen",
heißt es darin, "dass Sie von Verwandten oder Freunden ehemaliger
Angehöriger der SS-Division ,Skanderbeg' ... auf diese geschichtlichen
Bezüge angesprochen werden." Dies habe jedoch mit einer Heroisierung
der Nazi-Herrschaft nicht unbedingt zu tun. Genauso gut könne, um
"Verbundenheit" auszudrücken, ein deutscher Fußballer genannt
werden. "Verbundenheit mit Deutschland wird in diesem Leitfaden mit "nazifreundlich"
gleichgesetzt und der Begeisterung für die Taten der Wehrmacht Normalität
attestiert. Ihre Verbundenheit mit der Wehrmacht demonstriert tagtäglich
aber auch die Bundeswehr. In präziser Nachahmung eines seit 1941 vom
deutschen Sender "Radio Belgrad" gepflegten Rituals wird in Prizren als
täglicher Ausklang des deutschen Soldatensenders der Wehrmachtsschlager
"Lili Marleen" ausgestrahlt; eine Provokation, die sich die Bundesregierung
nur dort erlauben kann, wo einstmals ein Zentrum der Nazi-Kollaboration
gewesen war. Und doch hat diese Musikauswahl einen tieferen, wenn auch
unbeabsichtigten Sinn: Zeitgleich zur Ausstrahlung der alten Melodie wurde
in Prizren an die "Säuberungen" der früheren albanischen SS-Division
angeknüpft. In keiner anderen Besatzungszone des Kosovo erhielt die
UCK eine größere Pogromfreiheit als in der deutschen. "In Prizren
haben es die deutschen Soldaten den albanischen Kämpfern der Kosovo-Befreiungsarmee
überlassen, das in der Stadt geltende Recht zu bestimmen, und damit
die serbischen Familien ihrem Schicksal überlassen", kritisierte der
in Paris erscheinende Figaro. "Die UCK habe erklärt, Prizren stehe
vollständig unter ihrer Kontrolle", bestätigte auch die FAZ.
Selbst das geistliche Oberhaupt der Serben im Kosovo, Bischof Artemije,
hatte vergeblich Sicherheitsgarantien vom deutschen Kfor-Kontingent in
Prizren erbeten.
"Ethnische Reinheit" - deutsches Ideal.
10.000 Serben aus Prizren wurden fast vollzählig erschlagen oder
vertrieben, die Roma aus dem Kosovo systematisch verfolgt und die letzte
jüdische Gemeinde von Pristina unter Gewaltandrohung verjagt. Und
doch scheint dies für die deutsche Politik in erster Linie eine Erfolgsbilanz
zu sein. "Im Kosovo sei die Kriminalität nun geringer als in Moskau",
frohlockte zum Beispiel Rudolf Scharping und auch der ehemalige deutsche
Kfor-Kommandant Klaus Reinhardt strotzt nur so vor Zufriedenheit: "Heute
geht es in Prizren und Pristina wie in anderen westlichen Städten
zu: Die Discos sind voll, die Leute sitzen auf den Boulevards und freuen
sich, dass sie in Frieden leben können." Frieden, so die Logik, sei
eingekehrt, weil die "Fremdvölkischen" endlich wieder verjagt worden
sind. "Nur in den Zonen", schränkt Reinhard ein, "wo die verschiedenen
ethnischen Gruppen aufeinanderstoßen, sind die Spannungen noch groß."
Anders formuliert: Nur in Zonen und Ländern mit "ethnischer Reinheit"
sind Gefahrenpotentiale eliminiert. Das Kosovo als völkisches Musterland?
Schon haben Bundeswehr-Offiziere ihrer Auffassung Ausdruck verliehen, dass
"die westliche Vorstellung nach einem friedlichen Zusammenleben der unterschiedlichen
Bevölkerungsgruppen in multiethnischen Staatsgebilden ... nichts als
eine Fiktion" ist?
Macht und Wahn
Wie in der Vergangenheit, so hat sich Deutschland auch in der Gegenwart als Schutzmacht des völkischen albanischen Nationalismus profiliert - mit Verve, mit Kompetenz und mit einem hochmotivierten Apparat. Für diese Politik wurde Gerhard Schröder in Prizren mit "ungewöhnlich euphorischem Jubel" bedacht. Soweit ist alles klar. Warum aber war Schröder, als er sich in Prizren feiern ließ, so "tiefberührt"? Warum ging er davon aus, daß dieser Jubel "vor dem Hintergrund der spezifisch deutschen Geschichte" eigentlich jeden berühren müsse? Die Erklärung liegt auf der Hand: Der Bundeskanzler hat den Beifall der Kosovo-Albaner nicht als einen Jubel über die Kontinuität der deutschen Albanien-Politik wahrgenommen, sondern in diesen Beifall das genaue Gegenteil hinein phantasiert: die Bestätigung einer vermeintlichen Diskontinuität und die Belobigung eines "geschichtsgeläuterten" Deutschlands. Im narzisstischen Hochgefühl derealisierte Schröder die Wirklichkeit und tat so, als hätten nicht die Verteidiger der Kollaboration Deutschland hochleben lassen, sondern die Nachfahren von Titos Partisanenarmee. Die Berührtheit des Kanzlers macht den Wahn manifest: Eine spezifische psychologische Disposition formt sich ihre eigene Wirklichkeit. Für diese Disposition ist Auschwitz - also das Schuld- und Entlastungsmotiv - zentral. Der Einsatz der Bundeswehr, rief der Kanzler den in Prizren stationierten Soldaten zu, trage dazu bei, "historische Schuld und historisches Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden, durch ein anderes Bild Deutschlands zu ersetzen." Der logische Defekt in Schröders Formulierung - können Bilder Verbrechen "ersetzen"? - korrespondiert mit dem psycho-logischen des deutschen Kollektivs: Nach dem Modell der Festplatte, die man löscht und mit einem neuen Programm überschreibt, stehen Schröder und Co. unter dem Zwang, die Nazi-Verbrechen löschen und mit einem "Stolz auf Deutschland"-Progamm überschreiben zu wollen. Zwar kollidiert diese Disposition mit der politischen Realität: die Kontinuitätslinien zwischen aktueller und nationalsozialistischer Kosovo-Politik liegen offen zutage. Die Wirklichkeit wird vom gesellschaftlichen Bewußtsein jedoch nur soweit anerkannt, wie sie mit der sozialpsychologischen Bedarfslage harmoniert. Zwar haben sich die Deutschen angeblich so intensiv mit ihrer Vergangenheit befasst, wie niemand sonst. Doch die Verbrechen der kosovo-albanischen SS werden wie selbstverständlich ignoriert, erinnern sie doch an die Gegenwart. Zwar erfreut sich das Thema "Vertreibung" einer allgemeinen Popularität. Doch die Vertreibung der Juden von Pristina, die u.a. das britische Parlament beschäftigte, wird hierzulande tabuisert, erinnert sie doch an die Vergangenheit. Das große pluralistische Geschwafel, das im Gestus der absoluten Aufgeklärtheit die deutschen Gazetten und Kanäle füllt, weicht abrupt einem durchgängigen Schweigen, sofern der Bedarf nach Entlastung zu Schaden kommen könnte und der nationalsozialistische Hintergrund der aktuellen deutschen Großalbanienpläne kenntlich zu werden droht.