Zum 65. Todestag von Theodor Lessing
[Beitrag in Kalaschnikov, Sendung vom 26.8.98]
Ende Mai 1926 trommelte das deutsch-völkische Korpsstudententum
an der Technischen Universität Hannover zur großen Randale.
700 mit eichenen Bergstöcken bewaffnete Studenten sprengten die Vorlesung
des Professors Theodor Lessing und skandierten lautstark: „Juden raus!
Verhaut ihn! Schlagt ihn nieder! Lessing raus!“ Höhepunkt einer bereits
über ein Jahr währenden, reichsweiten Hetzkampagne gegen den
Hannoveraner Philosophielehrer. Völkische und national-konservative
Kreise machten gegen Lessing mobil und verlangten seinen Ausschluß
aus der Hochschule, weil dieser im deutschsprachigen Prager Tagblatt vor
der Reichspräsidentschaftswahl eine kurze Studie über Paul von
Hindenburg veröffentlicht hatte. Hindenburg, ehemaliger Generalstabschef
des kaiserlichen Heeres und nicht nur in deutsch-nationalen Kreisen als
„Held der Schlacht von Tannenberg“ verehrt, kandidierte 1925 für das
Amt des Reichspräsidenten. Lessings Aufsatz über den - wie er
formulierte - „gutmütigen Bernhardiner“ endete mit der durchaus prophetischen
Einschätzung:
„Ein Philosoph würde mit Hindenburg nun eben nicht den Thronstuhl
besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero.
Man kann sagen: ‚Besser ein Zero als ein Nero‘. Leider zeigt die Geschichte,
daß hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht.“
Der völkische Proteststurm brach danach sofort los. Farbentragende
Studenten und Teile der Hochschullehrerschaft bildeten einen „Kampfausschuß
gegen Lessing“. In dessen Reihen polterte und geiferte der Student Hermann
Poehlmann:
„Herr Lessing mit der ihm einmal gegebenen Gerissenheit glaubt,
daß dort, wo die Studentenschaft maßgebend ist, überhaupt
noch die Möglichkeit seiner Anwesenheit bestände. Damit hatte
der Treffliche bei seinem Schindludertreiben nicht gerechnet, daß
er wie ein dreister Straßenbengel Hiebe bekommen solle. (...) Er
weiß ganz genau, wenn er sich mit seinen sogenannten geistigen Waffen
zu mausig macht, daß es immer noch Leute gibt, die ihm die Antwort
unzweideutig geben.“
Doch der Hindenburg-Artikel scheint zu harmlos, um den gewalttätigen
Terror, der sich gegen Lessing entspann, zu erklären. Vielmehr wird
der Hannoveraner Philosoph zum Opfer des schmissetragenden Mobs,
weil er so ziemlich alles verkörperte, was deutsch-völkisches
Empfinden zutiefst verabscheute und haßte: Lessing war Jude, Sozialist
und Pazifist. Durch seine Gegnerschaft zum Krieg isolierte sich der
1872 Geborenen bereits zu Beginn des Ersten Weltkrieges vom Rest der ‚deutschen
Geisteselite‘. 1914, als über 3000 Unterschriften eine „Erklärung
der Hochschullehrer des Deutschen Reiches“ zierten, die das Heil Europas
mit dem - wie es in dem Pamphlet hieß - Sieg des „deutschen Militarismus“
untrennbar verbunden sah, protestierte Theodor Lessing als einer der wenigen
neben Albert Einstein oder dem Marburger Professor Walther Schücking
gegen den Krieg, gegen den - wie er es nannte - „Flammenrausch des Vaterlands“.
Der in Erstausbildung gelernte Mediziner selbst versuchte 1914, dem
Dienst im Schützengraben mit List zu entkommen:
„Als ich unmittelbar nach dem Ausbruch des Weltkrieges ... mich
als kriegsfreiwilliger Arzt dem Bezirkskommando stellte, da beflügelte
mich nicht die Vaterlandsliebe ..., sondern ich hatte den Wunsch, nach
Möglichkeit vor Vaterland und Menschheit zu flüchten. Ich kämpfte
gegen die ‚Große Zeit‘, wo immer ich’s konnte. (...) Gelang es, sofort
zu Beginn des Krieges als Arzt eingestellt zu werden, dann würde ich
versuchen, mich unentbehrlich zu machen und dem gewöhnlichen Dienst
zu entgehen. Ich konnte Wunden verbinden, statt Wunden schlagen (...)
Ich hatte Glück. Zunächst gelang es, von den Waffenübungen
befreit zu werden. Richtiger gesagt. Es gelang, mich zu drücken. Durch
vier Kriegsjahre mußte ich alle drei Monate zur Ausmusterung. Die
Ausmusterungen wurden immer strenger. Ich verwendete immer neue Listen,
um der Front zu entgehen. Dazu halfen Gutachten, ausgestellt von befreundeten
Ärzten.“
Auch wenn Lessing eine wesentliche Ursache des Krieges - dem Geist der
Zeit erliegend - in der Politik Englands festmachte, das im Bündnis
mit Frankreich und Rußland die Einkreisung Deutschlands zielstrebig
betrieben habe, gelangte er doch in einem Vortrag im Winter 1914 zu genaueren
Einsichten gegen Realpolitik und geschäftstüchtige Kriegsgewinnler.
Von regierungsoffiziellen Friedensinitiativen hielt er wenig:
„Denn unsinnig ist es zu wähnen, daß Friede der Menschen
je anderswoher als aus ihrer innersten Gesinnung erblühen könne,
daß man ihn durch äußere Mittel (sei es durch Parlamente
oder Schiedsgerichte, sei es durch Kriegszurüstungen oder Machtprinzipien)
bewahren könne.“
Lessings pazifistische Kritik richtet sich auch gegen die Ideale, die nur
Maske der „Bestie Mensch“ seien. 1931 schrieb er:
„Aber in den stillsten, den einsamsten Stunden ahne ich etwas. Ich
ahne, daß die großen Worte, welche die Menschen gerne im Munde
führen - Worte wie Gott, Menschheit, Staat und Vaterland - allesamt
nichts anderes sind als Umschreibungen für eine einzige Tatsache,
für ein einziges anderes Wort. Für das Wort und die Tatsache:
Ich! Ich, Ich, Ich! Das meinen, das allein kennen sie alle. Vaterland ist
Wille zur Macht. Vaterland ist Wille zum Versklaven immer der Anderen.
Vaterland ist Ich.“
Doch zurück ins Jahr 1925, zurück zu der Affäre um den Zeitungsartikel
über Hindenburg im Prager Tagblatt. Theodor Lessing fand kaum Unterstützung
und Solidarität. Die sozialdemokratische Regierung Preußens
war nicht in der Lage, die gewalttätigen Übergriffe der Korpsstudenten
zu unterbinden. Der als liberal geltende preußische Kultusminister
Becker verteidigte mit zunehmender Reserve die Lehrfreiheit des Professors.
Drei Gutachten von hochangesehenen Hochschullehrerkollegen bescheinigten
der wissenschaftlichen Leistung Lessings minderen Rang; der Freiburger
Philosoph Edmund Husserl attestierte ihm gar einen „Charakter von ungewöhnlicher
Niedrigkeit“. Die Minderheit der sich zur Republik bekennenden Elite stellte
sich nicht auf die Seite Lessings, sondern sie blieb still. Nur wenige
machten sich für den Hannoveraner Professor stark. Zu den Ausnahmen
zählte zum Beispiel der spätere Friedensnobelpreisträger
Ludwig Quidde oder der Leipziger Philosoph und Psychologe Hans Driesch,
für den der Fall Lessing fatale Ähnlichkeit mit der antisemitischen
„Affäre Dreyfus“ im Frankreich des 19. Jahrhunderts gewann.
Unterstützt von finanzkräftigen deutsch-völkischen Interessenten
- Gerüchte besagten, daß Zeitungszar Alfred Hugenberg die Finger
im Spiel gehabt habe - setzten sich die randalierenden Studenten schließlich
durch. Lessing und Kultusministerium verabredeten einvernehmlich die Einstellung
der Lehrtätigkeit bei gleichzeitiger Gewährung eines dauernden
Forschungsauftrages. Der sozialdemokratische Vorwärts bilanzierte:
„Rechtsbruch, offene Gewalttat, studentische Anmaßung haben
ihr Ziel erreicht. Ein republikanischer Professor ist aus seinem Lehramt
verdrängt. Von Sühne ist keine Rede. Das zuständige Ministerium
läßt sich den Willen randalierender völkischer Studenten
aufzwingen. Ist das Wahrung der Staatsautorität?“
Lessing ahnte in jenen Tagen bereits, daß sein Fall ein Meilenstein
auf dem Todesweg der Weimarer Republik war und daß er dem nationalsozialistischen
Terror zum Opfer fallen würde. 1925 notierte er voll bitterer Voraussicht:
„Es ist möglich, daß solch ein fanatischer Querkopf mich
niederschlägt, wie sie Rathenau und Harden niedergeschlagen haben.
(...) Und auch damit rechne ich, daß ich aus der Heimat fort muß
und wieder neu beginnen. Aber ist denn das eine ‚Heimat‘? Und wenn diese
Menschen deutsche Menschen sind, was verliere ich an den deutschen Menschen?
Und wenn das, was man mir antut, deutsch ist, wie kann es da für mich
ehrenvoll sein, Deutscher zu heißen?“
Arnold Zweig blickte 1936 - drei Jahre nachdem Theodor Lessing im Exil
ermordet worden war - in einem Essay über den Philosophen auf die
Ereignisse 1925/26 zurück:
„Der Vorgang soll einmal systematisch festgehalten werden, mit dem
in Deutschland die Tötung eines geistigen Menschen abrollt. Am Anfang
steht das deutsche Kapitalverbrechen: Lästerung der Armee ... Erschien
ein Aufsatz, der das tat, in einer linken Zeitschrift, so gab es in den
nächsten Tagen entrüstete Zitate daraus in den Blättern,
die der Reichswehr nahestanden ... Auf den Wink der abdruckenden Zeitungen
aber begann aufgrund dieser Zitate die Hetze gegen den Verfasser
... Stand er beim Staat in Lohn und Brot ..., so ging man systematisch
an seine Ausräucherung. Studententumulte in seinen Vorlesungen, drohende
Artikel gegen ihn in lokalen Zeitungen der Reaktion, Aufforderung zum Boykott,
Bekanntgabe seiner Wohnung.“
Die verallgemeinernde Rede Arnold Zweigs ist freilich angemessen. Denn
nahezu zeitgleich startete der deutsche akademische Nachwuchs einen promilitaristische
Feldzug gegen den Heidelberger Mathematiker Emil Julius Gumbel, der 1924
bei einer Veranstaltung der Deutschen Friedensgesellschaft vom „Feld der
Unehre“ gesprochen hatte. Die Behörden der Weimarer Republik entzogen
Gumbel 1932 die Lehrberechtigung.
Bereits vor dem 30. Januar 1933 sah Lessing klar und deutlich: Wer
Hitler wählt, wählt den Krieg. In seinem vermutlich letzten in
Deutschland veröffentlichten Artikel gegen Hitler und Krieg warnt
er schon 1933 vor dem möglichen nuklearen Zerstörungspotential
eines künftigen Krieges:
„In wenigen Jahren wird die Physik gelernt haben, Atome zu spalten.
Dann erst kommt die eigentliche Gefahr für das Menschengeschlecht.
Denn dann vermögen wir dank den Methoden der Naturwissenschaft endlose
dynamische Energien zu gewinnen.“
Nachdem die Nationalsozialisten sein Haus demoliert hatten, flieht Lessing
von Schutzhaft bedroht ohne viel Gepäck am 1. März 1933 über
die tschechische Grenze nach Marienbad. Lange bevor auf Hindenburg Hitler
folgte, gehörte Lessing wegen seines kompromißlosen Kampfes
gegen den deutschen Militarismus zu den verfolgten Gegnern der Nationalsozialisten.
Das ändert sich auch im tschechischen Exil nicht. Bald erfährt
Lessing, daß das Deutsche Reich 80.000 Reichsmark auf seinen Kopf
ausgesetzt hat. Ironisch notiert er dazu:
„Mein Gott! Was habe ich ein langes Leben über meinen Kopf
hören müssen. Auf der Schule hieß es, er sei kein Lernkopf.
Auf der Universität, er sei ein Wirrkopf. Die Kollegen sagten, er
sei ein Querkopf. Ein Kritiker schrieb, er sei kein politischer Kopf. Ein
anderer: Kein historischer Kopf. Wieder andere: Meinem Kopf fehlten gewisse
Organe. Das Organ für Metaphysik. Für den Mythos. Für das
Komische. Für Mathematik. Kurz alles an meinem Kopfe war negativ.
Ich zerbrach mir den Kopf und verdiente nichts damit. Und nun Achtzigtausend
Reichsmark! Und dies Glück haben andere mit meinem Kopf. Nie hätte
ich für möglich gehalten, daß mit meinem Kopf soviel zu
verdienen wäre.“
Vor 65 Jahren, am 30. August 1933, traf Theodor Lessing im Alter von 61
Jahren die tödliche Kugel eines von Nationalsozialisten beauftragten
Mörders. Lessing war das erste Opfer des deutschen Faschismus jenseits
der Reichsgrenzen.
Literaturhinweis:
Der Donat-Verlag in Bremen unternimmt es seit 1995, eine sechsbändige
Reihe mit ausgewählten Schriften von Theodor Lesssing zu edieren.
Bis heute sind zwei Bände erschienen, die zum Teil bisher schwer zugängliche
Zeitschriftenaufsätze des Kulturphilosophen enthalten.
Bd. 1: Bildung ist Schönheit - autobiographische Zeugnisse und
Schriften zur Bildungsreform (1995).
Bd. 2: "Wir machen nicht mit!" Schriften gegen den Nationalismus und
zur Judenfrage (mit Beiträgen und Zeichnungen von Walter Grab und
Alfred Hrdlicka; 1997)
Nicht zuletzt dafür, daß es dem Donat-Verlag gelungen ist,
die beiden Bände für sehr preiswerte 29,80 DM anzubieten, sei
das Unternehmen gelobt.