Bernd Greiner: die Morgenthau-Legende

Zur Geschichte des Konzeptes der "industriellen Entwaffnung"

[aus Kalaschnikov; Sendung vom 20.5.98] 

Ende August 1944 sah sich Franklin Delano Roosevelt, Präsident der USA seit 1933, veranlaßt, den eigenen Kriegsminister zusammenzustauchen. In dessen Zuständigkeitsbereich war ein Handbuch erstellt worden, das die Grundsätze für den Alltag im besetzten Deutschland zusammenfaßte. Von Kriegsverbrechen und deren Bestrafung, von Entnazifizierung und deutscher Rüstungsindustrie war in dem fast 300 Seiten starken Konvolut kaum die Rede; dafür ging es vor allem darum, den Betrieb in Deutschland wieder anzukurbeln. Die wichtigste Sorge der Militärregierung werde es sein, daß der Apparat laufe und zwar effizient laufe. Den Autoren galten offenbar die deutschen Eliten in Wirtschaft und Verwaltung als verläßliche Partner der zukünftigen Militärregierung. Verärgert polterte Präsident Roosevelt:

Auf das im Stab General Eisenhowers kursierende Handbuch hatte Roosevelt der Finanzminister aufmerksam gemacht: Henry Morgenthau, der bald gemeinsam mit Kabinettskollegen vom Präsidenten beauftragt wurde, Vorschläge für die Reformierung der auf Krieg ausgerichteten deutschen Wirtschaft auszuarbeiten. Morgenthau setzte sich für eine radikale Lösung ein. Er wollte eine Debatte zur „industriellen Entwaffnung“ Deutschlands initiieren. Denn spätestens seit Ende des Ersten Weltkrieges war die militärische Stärke von Staaten mit ihrer wirtschaftlichen Potenz gleichzusetzen. Schließlich konnte der Finanzminister am 9. September 1944 dem Weißen Haus ein Memorandum überreichen, dessen Titel knapp und präzise erläuterte, um was es ging:
„Programm, um Deutschland davon abzuhalten, einen Dritten Weltkrieg zu beginnen.“
1995 legte der Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung Bernd Greiner eine Studie über „die Morgenthau-Legende“ vor.  Der Untertitel des Buches lautet „zur Geschichte eines umstrittenen Plans“ und untertreibt mit solcher Wortwahl naturgemäß die Dramatik der Ereignisse. Denn die Gegner Morgenthaus gifteten und geiferten, verfälschten und logen, sie ließen ihren antisemitischen Ressentiments freien Lauf - und all das ebenso in den USA wie in Deutschland. Angefangen bei Joseph Goebbels im Oktober 1944: Noch bis in die geschichtswissenschaftlichen Fakultäten der Bundesrepublik Deutschland klang das reichspropagandaministerielle Wort vom Kartoffelacker nach. Etwa wenn der durchaus nicht rechtsradikale Historiker Friedrich Jerchow 1978 schrieb, Morgenthaus Planung, In einer historischen Dokumentation über die Deutschlandpolitik der Westmächte, die unter dem programmatischen Titel „Die Feinde der deutschen Nation“ erschienen ist, heißt es unter Anspielung auf Henry Morgenthaus Memorandum, in den USA und Großbritannien seien Die Schrift „Die Feinde der deutschen Nation“ ist nicht bei Gerhard Frey erschienen, sondern, hoffentlich nur die Naivsten werden darüber überrascht sein, 1953 in Berlin, Hauptstadt der DDR.
Was war es, das Henry Morgenthau eine derart nachhaltige Feindschaft von Repräsentanten aller deutscher politischer Richtungen eintrug? Lassen wir einmal den Ex-Chef der IG Chemie, Hermann Rappe, zu Wort kommen, der sich 1985 über die neue Ökopartei im Bundestag beschwerte: Freilich liegt auch Rappe - wenn wundert’s - mit seiner Charakterisierung dessen, was er ‚Morgenthau-Plan‘ nennt, völlig falsch; doch ist die gezogene Parallele zur grünen Partei nicht ganz von der Hand zu weisen. Ökologische Kritik hat seit den 70er Jahren bestimmte Industriestrukturen unabhängig von den sie tragenden Eigentumsverhältnissen in Frage gestellt. Atom- oder Gentechnik unterliegen als Megatechnologien dem ökologischen Einspruch. Gute Atomkraftwerke gibt es aus umweltschützender Perspektive nicht, auch wenn es sich um sozialistische Industrieanlagen handeln sollte. Ähnlich die Argumentation Henry Morgenthaus, der als Kriegsursache einen bestimmten Entwicklungsstand des rüstungsindustriellen Komplexes in einem Land ausmachte. Demzufolge plädierte der US-amerikanische Finanzminister für eine Entflechtung und teilweise Stillegung der deutschen Industrie: Von einer vollständigen Deindustrialisierung jenseits des Ruhrgebietes war in den Denkschriften des Finanzministeriums jedenfalls nicht die Rede, wenn auch im restlichen Deutschland Rüstungsbetriebe selbstverständlich verboten bleiben sollten. Morgenthau war sich bewußt, daß er im politischen Geschäft nicht das bekommen würde, was er einfordert. Wollte er also eine „industrielle Entwaffnung“ Deutschlands haben, mußte er die Entindustrialisierung des gesamten Ruhrgebietes verlangen.
Von den Möglichkeiten einer politischen Umerziehung der Deutschen oder einer internationalen Kontrolle der Industrien an Rhein und Ruhr hielt Morgenthau wenig: Bernd Greiners Untersuchung reißt solche vielleicht irritierenden Äußerungen Morgenthaus nicht aus dem Zusammenhang, sondern erklärt sie aus den politischen und persönlichen Erfahrungen des Finanzministers in den Kriegsjahren. Ende November 1942 hatte Rabbi Stephen  Wise, Präsident des American Jewish Congress und langjähriger Freund der Familie Morgenthau, der amerikanischen Presse erste Meldungen über die Vernichtung der europäischen Juden weitergegeben. Morgenthau, der sich bisher bewußt nicht zum Anwalt „jüdischer Angelegenheiten“ gemacht hatte, war zutiefst schockiert und mußte mit ansehen, daß die Pressekonferenz von Rabbi Wise nur ein geringes Echo fand. Im Gegenteil: An entscheidenden Stellen im Außenministerium saßen Männer, die die Informationen aus Europa nicht glaubten oder sie gar als gezielte Falschmeldungen jüdischer Organisationen einstuften. Morgenthaus Sohn berichtete über den Vater, nachdem dieser mit Rabbi Wise gesprochen hatte: Seit Beginn des Krieges in Europa hatten die für Einwanderungen zuständigen Bürokraten im Außenministerium die Mauern rund um den Hafen von New York immer höher gezogen. 1939 kamen knapp 83.000 Einwanderer in die USA, 1941 noch 52.000 und  im Jahre 1943 28.781, davon 11.153 aus Europa. Zwischen 1933 und 1944 waren es insgesamt gut 150.000 Europäer. Die gesetzlich fixierten Höchstquoten hätten etwa 1,5 Millionen Einwanderer aus dem alten Kontinent zugelassen. Über die skandalöse Flüchtlingspolitik des Außenministeriums fertigte Anfang 1944 der Stab des Finanzministers Morgenthau einen Bericht an, der feststellte, die zuständigen Stellen seien Akribisch beschreibt Bernd Greiner die Auseinandersetzungen um die Flüchtlingspolitik, den virulenten und häufig offenen Antisemitismus in der US-amerikanischen Gesellschaft und die aktive Lobby der Deutschlandfreunde in Wirtschaft und Politik. Die Geschäfte US-amerikanischer Firmen mit deutschen Partnern liefen nicht nur während der Weimarer Republik glänzend. Seit Mitte der 30er Jahre bauten zum Beispiel General Motors und die Tochterfirma Adam Opel AG Lastwagen, gepanzerte Flugzeuge, Flugzeugmotoren und Panzer für Wehrmacht und Luftwaffe. Standard Oil ermöglichte 1936 zur Freude von Hermann Göring der IG Farben den Kauf von Flugbenzin im Wert von 20 Millionen Dollar. Deutsche U-Boote hatten folgerichtig Anweisung, nicht auf Schiffe von Standard Oil zu schießen. ITT schließlich expandierte unter den Nazis weiter. 14 Millionen Dollar investierte ITT 1939 in Deutschland. 13% des Umsatzes der Telephongesellschaft entfielen 1943 auf den Handel mit den Achsenmächten.
Die Freunde Deutschlands und Gegner Morgenthaus waren also zahlreich, verstärkt noch durch die Gruppe der Antistalinisten, die Deutschland nach dem Krieg in den Kampf gegen die Sowjetunion einbinden wollten. Deren Einfluß war das bereits erwähnte deutschlandfreundliche Handbuch aus dem Stab Eisenhowers zu verdanken, dem Morgenthau als Notbremse das Konzept der „industriellen Entwaffnung“ entgegenstellte. Tatsächlich konnte sich der US-Finanzminister beim amerikanisch-britischen Gipfeltreffen im kanadischen Quebec Mitte September 1944 zum Teil durchsetzen. Von Churchill und Roosevelt unterschrieben, kündigte die Erklärung die Stillegung der Metall erzeugenden und verarbeitenden, der chemischen und der elektrotechnischen Industrie an Rhein und Ruhr an. Morgenthau hatte die Entindustrialisierung des Ruhrgebiets verlangt und die „Entwaffnung der Industrie“ bekommen.
Doch nur für kurze Zeit, denn sofort begannen die Widersacher mit der Gegenpropaganda. Vor allem das Kriegsministerium mobilisierte gegen den „Karthagofrieden“ des Finanzministers: Morgenthau bekämpfe „Brutalität mit Brutalität“ und hänge einem „Semitismus“ an, „der um der Rache willen aus den Fugen geraten“ sei. Der Kriegsminister bewertete gegenüber dem Präsidenten die Überlegungen aus dem Finanzministerium so: Das Time Magazine stellte Morgenthau als „fanatischen Nazihasser“ dar, der ins Lager jener gehöre, die zur Sterilisierung aller Deutschen aufriefen. Die Washington Post sprach von einem Anfang November standen Präsidentschaftswahlen an, was den Druck auf Roosevelt erheblich erhöhte. resümiert Bernd Greiner die damalige Lage. Ende September schließlich zog Roosevelt die Unterschrift unter das Memorandum von Quebec zurück. Morgenthau und die „industrielle Entwaffnung“ waren gescheitert. Doch noch 1945 bezeichneten US-amerikanische Senatoren Morgenthau als den „amerikanischen Himmler“. Spätestens als es mit der Atombombe die Option entstand, Deutschland durch nukleare Bedrohung von einem dritten Weltkrieg abzuhalten, war eine „industrielle Entwaffnung“ in den Augen vieler US-Politiker  überflüssig.
Bis 1947 gab es weitere Versuche, die deutsche Wirtschaft für Krieg und Faschismus zumindest teilweise verantwortlich zu machen. Greiners Studie zeichnet diese größtenteils fehlgeschlagenen Vorhaben zur Entflechtung von Konzernen, zur Auflösung von Kartellen oder zur juristischen Verfolgung von Wirtschaftseliten im Rahmen der Nürnberger Prozesse nach. Heftigen Widerstand gegen wirtschaftliche Entflechtungen und die Liquidierung von Kartellen leistete u.a. Ludwig Ehrhard. Ganz allgemein wurden die Deutschen hinsichtlich ökonomischer Angelegenheiten sehr schnell wieder vorlaut: Gegen das im Mai 1947 in der US-amerikanischen Zone erlassene Gesetz zur Entflechtung der Großbanken wandte die Industrie- und Handelskammer Frankfurt rotzfrech ein: Das letztlich umgesetzte „Programm, um Deutschland davon abzuhalten, einen Dritten Weltkrieg zu beginnen“ war nicht das Henry Morgenthaus, sondern eines, das auf militärischer Stärke fußte. US-amerikanische Atommacht und Einbindung des Spaltproduktes Westdeutschland in die NATO. Der Krieg wurde mit dieser militärischen Lösung offensichtlich nicht abgeschafft. Das Konzept Morgenthaus ist für eine antimilitaristische Politik nach wie vor aktuell, auch wenn heute die Wahrscheinlichkeit, eine „industrielle Entwaffnung“ verwirklichen zu können, geringer sein dürfte als 1944. Was allerdings nichts - so der US-amerikanische Linksliberale Max Lerner, den Greiner am Schluß zitiert - mit der Frage nach dem Realitätsgehalt einer Entwaffnung der Ökonomie zu tun hat: Bernd Greiner: Die Morgenthau-Legende. Zur Geschichte eines umstrittenen Plans. Hamburg: Hamburger Edition 1995. 441 Seiten.