Gibt’s jetzt Frieden – ?

(Flugblatt von Juni 1999)

Was für ein Timing! Rechtzeitig zur Europawahl machen sich die europäischen Nato-Staaten daran, ihre Bombenkampagne in Jugoslawien zu beenden. Und wenn diejenigen, die einen Krieg angefangen haben, ihn wieder zu Ende bringen, dann sind sie doch Friedensbringer, und man kann sie guten Gewissens wieder wählen, oder? Mal sehen, ob wenigstens das so klappt, wie sie sich das vorgestellt haben; zur Zeit ist die Lage ja noch ein wenig unübersichtlich – gleich richtig aufhören möchte die Nato ja noch nicht, und so stellt sich die Frage:
Wird alles wieder gut? Stehen die Toten wieder auf und wandeln? Jetzt, wo doch die Diplomatie den Durchbruch geschafft und einen dieser berüchtigten Friedenspläne für das Kosovo zustande gebracht hätte? Entschuldigung, wir wagen zu bezweifeln, daß nun alles so reibungslos wieder in Ordnung kommt, wie Politik und Journaille uns glauben machen wollen. Schröder und Ahtisaari fallen sich in die Arme wie zwei Bandenchefs, die zusammen ein Ding gedreht haben und sich nun sicher sind, daß niemand sie zur Verantwortung ziehen wird; alles schön und gut, die Sache scheint gelaufen. Aber wir bezweifeln ganz entschieden, daß es richtig ist, was seit Donnerstagabend die Argumentation der Nato-Militärs und Nato-Politiker ist und in der nächsten Zeit bleiben wird: Daß die Nato (oder die „internationale Gemeinschaft“, das ist beliebig austauschbar) mit ihrem 10wöchigen Bombardement ganz Jugoslawiens schließlich doch Miloševic zum Einlenken gezwungen habe; daß sie – wenn auch ohne UN-Mandat und daher leider unter Bruch des Völkerrechts – lediglich Gewalt mit Gewalt beantwortet und damit humanitäre Zwecke verfolgt habe; daß sie für eine „sichere Rückkehr“ der Flüchtlinge sorgen wird; und daß es sich bei dem Militär, das demnächst im Kosovo einrücken soll, tatsächlich um „internationale Friedenstruppen mit Nato-Kern und robustem Mandat“ handle und nicht um die lange angekündigten und bereitgestellten, gewöhnlichen Bodentruppen, die man allerdings kurzfristig umbenannt hat. Wir empfehlen, einen kurzen Blick auf die Ergeb-
nisse des Nato-Bombenkriegs zu werfen:
Die Massenflucht aus dem Kosovo setzte Ende März ein. Am 20. März hatten sich die OSZE-Beobachter aus dem Land zurückgezogen, damit ihnen keine Nato-Bomben auf den Kopf fallen. Am 24. März begannen die Bombenangriffe; gleichzeitig verschärften UCK und jugoslawische Truppen ihre Gewaltaktionen – die UCK, um die Nato zum Eingreifen zu provozieren, die jugoslawischen Truppen, um jetzt noch so viel Terrain wie möglich zu gewinnen. Ein klares Fazit: Die Nato-Kriegspolitik und der Beginn des Luftkrieges haben die Massenflucht aus dem Kosovo herbeigeführt, der seitdem von den jugoslawischen Truppen nachgeholfen wird. Aber das war ja schon vor über zwei Monaten; die Nato-Propagandisten behaupten ganz locker, ihr Ziel sei es immer gewesen, den Flüchtlingen die Rückkehr zu ermöglichen. Wer will sich schon daran erinnern, daß die Nato selbst Ursache des Flüchtlingselends ist, so lange, wie das schon wieder her ist?!
Was die Nato jetzt angeblich erreicht hat, hätte sie viel früher haben können, ohne Krieg und ohne die humanitäre Katastrophe, die sie zusammen mit UCK und jugoslawischem Militär angerichtet hat. Der Plan, dem das serbische Parlament nun zugestimmt hat, entspricht fast vollständig dem zivilen Teil des Rambouillet-Abkommens, den die jugoslawische Delegation bereits unterschrieben hatte. Aber damals bestand die Nato auf dem militärischen Teil, dem „Annex B“, der die vollständige Besetzung Jugoslawiens durch Nato-Militär vorsah. Davon ist heute keine Rede mehr. Es ging der Nato tatsächlich nie um das Kosovo, um Menschenrechte oder Demokratie oder was man halt so sagt; es ging ihr darum, ihre Macht zu demonstrieren: sie ist der einzige Militärpakt auf der Welt, der aus eigener Machtvollkommenheit Krieg führen kann. Das haben nun alle gesehen: die UNO, die nichts mehr zu sagen hat und nur noch ihren Namenszug hergeben darf, wenn Nato-Truppen nicht als Nato-Truppen, sondern als internationale Friedenstruppen irgendwo einmarschieren wollen; Rußland, dem sein Status als viertrangige Macht vorgeführt wurde und das ja mittlerweile froh ist, wenigstens noch am Rande mitspielen zu dürfen; China, dem trotz Vetorecht im UN-Sicherheitsrat gezeigt wurde, daß es in den Fragen, die die Nato allein zu entscheiden gedenkt, nichts zu melden hat. Das haben nun alle gesehen? Alle, außer den Journalisten, welche nichts sehen, weil sie ihre Aufgabe, uns die Gründe, die die Militärs für ihre Aktionen vorschieben zu vermitteln, bis an die Grenze der Selbstverleugnung erfüllen. Leute, die im Fernsehen den offensichtlichsten Schwachsinn in seriösem Ton diskutieren, sind bestimmt Teilnehmer einer Expertenrunde.
Die „sichere Rückkehr der Flüchtlinge“ ist und bleibt eine zynische Phrase, der blanke Hohn. Wohin sollen sie denn zurückkehren? In ein zerstörtes und verseuchtes Land, in dem der gegenseitige Haß bitterer ist als je zuvor? In ein Land, in dem es, den hochpräzisen Luftschlägen sei Dank, nichts mehr gibt: keine Industrie, keine Arbeit, keinen Strom, keine Heizung, keine Wohnungen? Dafür aber jede Menge kleinerer und größerer warlords, Bandenchefs, Feldkommandeure, Kriegsherrn auf eigene Rechnung samt ihrem Marodeursanhang (die in der nächsten Zeit von der westlichen  Bestechung zum unauffälligen Verhalten – Verzeihung: von der Wiederaufbauhilfe gut leben werden). Die Menschen im Kriegsgebiet haben die Nato nie gekümmert, nicht vor dem Krieg, nicht danach und auch nicht als Kollateralschaden: der wird von dem fixen Jamie Shea öffentlich bedauert, und weg mit Schaden. Kollateral heißt auf deutsch: nebensächlich.
Die Nato und die Regierung Miloševic haben prima zusammengearbeitet. Das durfte Jamie Shea natürlich nicht sagen, im Gegenteil, Miloševic mußte als der Alleinschuldige, der Teufel in Menschengestalt, der „Schlächter von Belgrad“ (Bild) dargestellt werden, eben damit nicht auffalle, wie gut die Feinde eigentlich übereinstimmten. Die Nato wollte den Krieg um das Kosovo, um ihre Hegemonie zu demonstrieren. Miloševic konnte den Krieg brauchen, weil nur in einem Krieg Flucht und Vertreibung dafür sorgen würden, daß die meisten Albaner aus dem Kosovo verschwinden. Die Nato braucht ein Gegenüber, einen Partner im guten wie im bösen, den sie bekriegen oder mit dem sie verhandeln kann (siehe die Schwierigkeiten, in den Reihen der UCK einen verläßlichen und verantwortlichen Kontakt zu finden). Miloševic konnte unter den Bombenangriffen seine Stellung festigen: die linke, demokratische Opposition in Jugoslawien ist erledigt: in Luftschutzkellern ist schlecht diskutieren. Gegenüber den ultranationalistischen Kräften steht er nun als Garant des Friedens nach langem Durchhalten da: irgendwann will man auch wieder raus aus dem Luftschutzkeller. Für allfällige Verhandlungen um den Status des Kosovo braucht die Nato einen verläßlichen Ansprechpartner – wer, dreimal dürfen Sie raten, wird das sein?
Die Nato hat sich mit dem Anspruch, Truppen in ein fremdes Land zu entsenden, durchgesetzt. Das Kosovo wird das nächste Nato-Protektorat auf dem Balkan. Die Besatzungstruppe heißt Friedenstruppe, trägt das UNO-Label, und ein Paar Russen sind auch dabei: kollaterale Einschränkungen. Das Kommando ist einheitlich, und das heißt: Nato-Kommando.
Die industrielle Infrastruktur Jugoslawiens liegt in Trümmern. Der „Marshallplan für den Balkan“, den auch einige Stimmen aus der Friedensbewegung fordern, die Wiederaufbauhilfe: das wird nichts anderes sein als ein Almosen, das zum kleineren Teil die Bevölkerung vorm Verhungern bewahrt und zum größeren Teil in den Taschen der politisch und vor allem militärisch Einflußreichen landet, als Belohnung fürs Wohlverhalten. An einer „Integration des Raumes in den Weltmarkt“ ist niemand interessiert, genau sowenig wie im Falle des noch relativ besser dastehenden Rußland.
Unsere freien und unabhängigen Medien haben deutlich wie kaum jemals zuvor bewiesen, daß sie sich mindestens so zuverlässig gleichschalten wie die jugoslawischen Staatsmedien. Kritische Stimmen erscheinen im Kriegsfall gelegentlich auf Seite fünf unten, um die Meinungsvielfalt zu beweisen; aber grundsätzlich antimilitaristische Positionen haben keine Chance, an die Öffentlichkeit zu gelangen. Wo hätten, in der Zeitung, im Radio, im Fernsehen, pazifistische Stimmen die Möglichkeit gehabt, gleichberechtigt mit den Kriegsbefürwortern zu argumentieren, ihre Sicht darzustellen, die ewigen Verdrehungen, Halbwahrheiten und Lügen der Kriegspropaganda zu berichtigen? Bestenfalls Versatzstücke wurden gezeigt, Sie haben 30 Sekunden Zeit, ihre Kritik zu formulieren, dann durfte der Experte wieder schwadronieren. Unsere Medien muß man nicht mehr zwingen, prinzipiell die Regierungsmeinung zu verbreiten, die tun das freiwillig. Das ist Demokratie. (Sie dürfen natürlich gern einen Leserbrief schreiben!)
Deutschland hat den Krieg zwar nicht erklärt, aber es führt immerhin einen. Das ist nicht nur deshalb wichtig, weil sich die Bevölkerung daran gewöhnen kann und beim nächsten Mal dann auch Verständnis für einen richtigen, ordentlichen Krieg mit allem drum und dran, also etwa der Notstandsverfassung, aufbringen wird, das ist vor allem deshalb wichtig, weil sich die Nato im Innern so wenig einig ist wie nur je eine Räuberbande. Da geht es nicht nur um die Durchsetzung der gemeinsamen Ziele, sondern viel eher noch darum, wer seine Ziele gegen die Bündnispartner durchsetzt. Seit Jahren versuchen die europäischen Nato-Länder, ihren Einfluß zu vergrößern und die Möglichkeit zu schaffen, auch ohne Beteiligung der USA militärisch zu handeln. Der Nato-Krieg in Jugoslawien war auch von diesem Interessenwiderspruch geprägt: Während die Europäer, nachdem sie bewiesen hatten, daß sie zum Krieg fähig sind, eher bereit waren, irgendeinen Friedensplan aus dem Hut zu zaubern und die Diplomatie einzuschalten, um den Krieg wieder zu beenden, mußten die Amerikaner versuchen, mit den Bombenangriffen eine deutliche Niederlage des Gegners herbeizuführen. Damit wäre bewiesen, daß es auch in Zukunft nicht ohne sie geht, wogegen die europäischen Regierungen jetzt behaupten werden, es müsse der europäische Teil der Nato selbständiger werden, um demnächst ähnliche Krisen schneller bereinigen zu können. Die Experten nennen das gerne „Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität“ oder „Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik“ – und siehe da, der Eu-Gipfel hat einen entsprechenden Posten schon geschaffen; einnehmen wird ihn voraussichtlich der jetzige Nato-Generalsekretär Javier Solana.
Und nun triumphiert also die Diplomatie. Die öffentlich gezeigte Erleichterung mag man den Politikern gerne glauben. Sie hatten sich das so schön einfach vorgestellt; genau so, wie die Militärs ihnen das in den briefings erläutert haben: präzise Luftschläge, Phase eins, zwei und drei, saubere Sache, in drei, vier Tagen ist der Käs gegessen... Und dann dauert das gut zwei Monate! Das geht an die Nerven. Was ein Glück, daß es zum Schluß doch noch geklappt hat: keine Spur von einer humanitären Katastrophe, die Flüchtlinge kehren zurück, die Toten stehen auf und wandeln. Alles in Ordnung. Vor allem eins hat geklappt: Die Nato hat es der Welt gezeigt – sie darf, weil sie kann. Und jetzt macht sie langsam wieder Frieden. Schöne Aussichten.