Ist vom radikalen Flügel der deutschen Arbeiterbewegung in der
niedergeschlagenen Revolution von 1918/19 die Rede, so fallen automatisch
die Namen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Aber wer kennt schon Otto
Rühle? Besser gesagt, wer kennt ihn noch, denn seinerzeit spielte
er als Kriegsgegner, Revolutionär und marxistischer Theoretiker eine
wichtige, und heftig umstrittenen Rolle. Mit seiner scharfen Kritik nicht
nur am Kapitalismus und am parlamentarischen System, sondern auch an der
gesamten deutschen Arbeiterbewegung war geriet er allerdings bereits in
den zwanziger Jahren zunehmend in die politische Isolation. Anders als
Luxemburg und Liebknecht liess sich der 1943 im Alter von 69 Jahren im
mexikanischen Exil verstorbene Rühle auch nicht als Märtyrer
mißbrauchen. So wurde die Erinnerung an ihn fast vollständig
ausgelöscht.
Als Reichstagsabgeordneter lehnte der, zuvor lediglich als Pädagoge
in Erscheinung getretene Otto Rühle, am 20. März zusammen mit
Karl Liebknecht die Kriegskredite und den gesamten Reichshaushalt ab. Rühle,
der auch publizistisch und organisatorisch gegen den Krieg und die Regierung
eintrat, setzte sich, im Gegensatz zu Rosa Luxemburg bereits 1916 für
die Spaltung der SPD ein. 1918 nahm er eine führende Position bei
der Revolution in Sachsen ein und geriet auch diesmal in Konflikt mit der
Berliner Zentrale des Spartakusbundes, da er keine Möglichkeit einer
Zusammenarbeit mit der SPD in den Arbeiter und Soldatenräten sah.
Im mexikanischen Exil resümierte er:
"Die alte Macht war wie durch einen Blitzschlag niedergestreckt. Der Kaiser ein Deserteur, Ludendorff ein Bittsteller um Waffenstillstand. Das Heer ein berstender Koloß. Durch eine spontane, unklare und in ihren Zielen vielfach gespaltetene Volksbewegung wurde die sozialistische Partei zur Höhe der Regierungsmacht empor getragen. Aber ein tragischer Irrtum wollte, daß die Männer, die die Massen als Inhaber und Vollstrecker der revolutionären Macht erkoren, genau dieselben waren, die angesichts der ausbrechenden Massenerhebung angstschlotternd und im feindseligen Gefühl ihrer verletzten Autoriät erklärt hatten, daß sie die 'Revolution wie eine Sünde hassten'. In ihrem Machtwillen gebrochen und in all ihren Hoffnungen enttäuscht, dankte die Bourgeoisie ab. Sie wartete des weiteren Verlaufs der Dinge und der neuen Initiative. Aber die neue Initiative blieb aus. Die neuen Männer sahen sich hilflos nach den alten um. Es erwies sich, daß die Linke nur eine kleinere und unfähigere Garnitur der Rechten war.
Diese Linke war mit der Bourgeoisie in den Krieg gezogen, 'um das Vaterland zu verteidigen'. Sie hatte den Sozialismus im Stich gelassen und ihre revolutionäre Rolle preisgegeben. Während der ganzen Dauer des Krieges war sie ihrem Klassengegner auf Gedeih und Verderb treu an der Seite geblieben. Alle Prinzipien und Parolen des Klassenkampfes waren vergessen. (....)
Das Kriegsbündnis mit der Bourgeoisie hatte die deutsche Sozialdemokratie auf ihre wahre Wesensgrundlag zurückgeführt. Sie war immer nur scheinbar eine sozialistische Bewegung gewesen. Jahrezehntelang hatte sie über das im Grunde bürgerliche Prinzip ihrer Konstitution hinweggetäuscht. Doch niemals hatte sie es überwinden können. Sie war und blieb eine kleinbürgerliche Reformpartei der Enttäuschten, Zukurzgekommenen, am kapitalistischen Aufstieg Verhinderten. Keine revolutionäre Bewegung, sondern nur eine Revolte wildgewordener Möchte-gern-Kapitalisten". (Brauner und Roter Faschismus in: Schriften S. 12f.)
Der erste nationale Kongress der Arbeiter und Soldatenräte tagte
vom 16. bis zum 31. Dezember 1918 in Berlin. Der von den Mehrheitssozialdemokraten
beherrschte Kongress beschloss Wahlen zur Nationalversammlung und übertrug
dem Rat Volksbeauftragten unter der Führung Friedrich Eberts diktatorische
Vollmachten. Diese wurden von der sozialdemokratischen Führung konsequent
zur blutigen Niederschlagung der Revolution und zur Verhinderung der Sozialisierung
eingesetzt.
"Was schließlich im Parlament als Sozialisierunggesetz, als Gesetz zur Regelung des Kalibergbaus, als Erlaß zur Regelung der Kompetenzen der Sozialisierungskommission und als Sozialisierungsgesetz der Kohlenindustrie zur Beratung gelangte, stieß auf den leidenschaftlichsten und stärksten Widerstand des Kohlen- und Finanzkapitals. Schon die ersten Proben der Unfähigkeit und Schwäche des sozialdemokratischen Regierungsklüngels hatten genügt, um im Kapitalismus das Bewußtsein seiner wiederkehrenden Machtstellung zu erwecken. So schleuderte er den lächerlichen Dilettantismus der Sozialisierungsprogramme in den Papierkorb und ersetzte ihn durch ein hochkapitalistisches Vertrustungsprogramm, wie es der Kriegs- und Revolutionsgewinnler Stinnes im Reichswirtschaftsrat als Ziel seiner hochfliegenden Profitpläne entwickelt hatte. Die Massen waren, statt vom Kapitalismus befreit zu werden, in noch schlimmere Sklaverei gestürzt. Trotzdem jagten sie ihre Führer nicht zu allen Teufeln. Verräter und Verratenen waren einander wert." (Schriften S. 18)
Im Januar 1919 setzte sich Rühle auf dem Gründungsparteitag
der KPD mit seiner Ablehnung der Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung
gegen Rosa Luxemburg durch. Nach der Ermordung von Karl Liebknecht und
Rosa Luxemburg, wurde Rühle bereits Ende 1919 mit den übrigen
Linkskommunisten aus der KPD ausgeschlossen und gehörte zu den Mitbegründern
der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD). Die Weimarer Republik etablierte
sich, indem sie die rechtsextremen Freikorps Jagd auf Sozialisten und Anarchisten
machen liess. Otto Rühle überlebte in der Illegalität.
1920 besuchte Rühle als Delegierter der Kommunistischen Arbeiterpartei
beim zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale, die Sowjetunion.
Seine Auffassung, dass die Revolution "keine Parteisache" ist, und seine
vehemente Kritik an den autoritären Strukturen der Arbeiterbewegung
führte ihn auch zur Ablehnung des bolschewistischen Modells. In einem
Artikel in der radikalen Zeitschrift Die Aktion kritisierte er nach seiner
Rückkehr das Vorgehen der Bolschewiki, für die die Revolution
und Sozialismus "in erster Linie eine politische Angelegenheit" seien.
"Wie konnten so treffliche Marxisten je vergessen, dass sie in erster Linie eine ökonomische Angelegenheit sind? Reifste kapitalistische Produktion, geschulteste Arbeiterschaft, reichster Produktionsertrag .... sind unerlässliche Vorraussetzungen der sozialistischen Wirtschaft und damit des Sozialismus überhaupt. Wo fand man diese Vorbedingungen in Russland? Ein rascher Ablauf der Weltrevolution wird das fehlende ersetzen können. Die Bolschewiki haben alles getan, um ihn herbeizuführen. Aber sie blieb aus. So entstand ein Vakuum. Ein politischer Sozialismus ohne ökonomische Grundlage. Eine theoretische Konstruktion. Ein bürokratisches Regiment. Eine Sammlung papierner Dekrete. Eine agitatorische Phrase. Und eine furchtbare Enttauschung." (zitiert nach Herbst/Jacoby S. 46)
Rühle warf den Bolschewiki vor, sie würden für sich in
Anspruch nehmen das "revolutionäre Normalschema" gefunden zu haben.
"Nach diesem Schema ist angeblich die russische Revolution verlaufen. Nach diesem Schema hat folglich auch die Revolution in den anderen Ländern zu verlaufen. - Da haben wir eine Revolution..., da haben wir eine revolutionäre Partei - was ist zu tun? Wir nehmen das revolutionäre Normschema - Revolution ist Parteisache. Staat ist Parteisache. Sozialismus ist Parteisache. Partei ist Disziplin. Partei ist eiserne Disziplin....Ins Konkrete übertragen heisst dieses Schema....Oben: Autorität, Bürokratismus, Personenkult, Führerdiktatur, Kommandogewalt. Unten: Kadavergehorsam. Subordination. Strammstehen." (ebd. S. 47f.)
Rühle zog bald nach seiner Rückkehr aus Russland die Konsequenz
und trennte sich von der KAPD, die er "noch völlig vom alten Parteigeist
beherrscht" sah.
1921 rechnete Rühle erneut mit der Politik der Bolschewiki und
der KPD ab. Anlass war die sogenannte "Märzaktion", in Mitteldeutschland.
Sie seien nichts als eine "putschistische Ablenkungs- und Entlastungsoffensive"
für die durch Unruhen und Aufstände, wie die Kronstadtrebellion
in Bedrängnis geratene Sowjetregierung gewesen. Dezidiert kritisierte
Rühle die militaristische Konzeption des Aufstands:
"Die revolutionären Kämpfe in Mitteldeutschland wurden begonnen als politische Kämpfe, d. h. als Waffenkämpfe, Strassenkämpfe, kurz militärische Kämpfe nach dem Muster des bürgerlichen Militarismus. ..... Es darf nicht die Taktik des Proletariats sein, sich auf den Boden der bürgerlichen Kampfmethoden zu begeben.....Deshalb muss das Proletariat den bürgerlichen Gegner auf seinen Kampfboden herüberziehen. ... Dieser proletarische Kampfboden ist der Betrieb. ..." (ebd. S. 49f.)
Für Rühle stand fest, dass sich die kommunistische Revolution
auch in ihren Methoden grundlegend von der bürgerlichen Revolution
unterscheiden müsse:
"Eine Führerclique an der Spitze und gutgedrillte Massenheere waren immer siegreiche Formationen in bürgerlichen Kriegen gegenüber dem bäuerlichen Heerbann und in bürgerlichen Revolutionen gegenüber den aristokratischen Fähnleins. Aber die proletarische Revolution, die den Menschen gerade vom Drill und vom Joch der Massenversklavung befreien will, kann nur siegreich sein, wenn der Mensch über den Muschik, die Selbstbestimmung über den Exerzierplatz und das Selbstbewußtsein über das fremde Kommando siegt. Die Revolution ist nicht Sache der Militärakademie und des Feldherrnhügels, sondern Sache der Revolutionäre!" (Weltkrieg, Weltfaschismus, Weltrevolution. in: Schriften: S. 147)
Rühles Kritik an der militärischen Gewalt ist kein Bekenntnis
zu einem abstrakten Prinzip von Gewaltlosigkeit, das, unabhängig von
allen gesellschaftlichen Zwängen und historischen Gegebenheiten, "der
Gewalt" entgegen gesetzt wird. Bei der Errichtung von Räterepublik
und Sozialismus spielt Gewalt auch seiner Auffassung nach eine, aber eben
keine zentrale, Rolle.
"Die Umorganisatierung der kapitalistischen Wirtschaft in eine sozialistisch-kommunistische Wirtschaft hat zur Voraussetzung die revolutionäre Besitzergreifung der Produktionsmittel durch das Proletariat. Der Umorganisierungsprozeß kann sich nur vollziehen auf dem Weg der Diktatur, d.h. der ausschließlichen Willensbestimmung der Proletarierklasse. Das Instrument der Umorganisierung ist das revolutionäre Rätesystem." (Prinzipienerklärung der AAU (E) in: Schriften Anm. 30)
Auch stand es für ihn außer Zweifel daß der Aufbau
der Roten Armee in der Sowjetunion notwendig war, um das Land gegen die
ausländischen Interventionen zu verteidigen, den Bürgerkrieg
zu ersticken und die Grenzen zu sichern. Er kritisierte jedoch die blosse
Übernahme der Strukturen des zaristischen Heeres unter Ausschaltung
der Soldatenräte. Mit dem Verzicht auf eine Heeresreform sei man selbst
hinter das Niveau der französischen Revolution von 1792 zurückgefallen.
Nach dem Scheitern des Mitteldeutschen Aufstands vollzog die Sowjetunion
mit dem Rapallo Pakt von 1922 einen Schwenk hin zu einem Bündnis mit
dem Deutschen Reich, bis hin zur Unterstützung der illegalen Aufrüstung
der Reichswehr.
"Die kommunistischen Parteien in Deutschland und Frankreich warfen nun auf Befehl von Moskau alle Masken ab. Deutschland wurde als 'national unterdrücktes Land' erklärt, das deutsche Proletariat hatte sich auf einen 'nationalen Befreiungskrieg' vorzubereiten, gegen den Vertrag von Versailles wurde gemeinsam mit den nationalen Verbänden kräftig vom Leder gezogen, gegen die Ruhrbesetzung durch Frankreich wurde die nationale Abwehr' organisiert, Radek pries den Nazispitzel Schlageter als 'nationalen Helden', Sozialdemokratie und Kommunisten fanden sich in der 'Einheitsfront' und in Koalitionsregierungen, der Nationalbolschewismus feierte Orgien. Wenn die Bedingungen für eine Verbrüderung zwischen Hitler und Stalin damals noch nicht gegeben waren, so lag das nicht an Stalin, der damals noch Lenin hieß.
Als die Befreiungs- und Putschabsichten dieses kuriosen Nationalismus scheiterten, zog sich Rußland auf einen Pazifismus zurück, der künftig weder durch kriegerische noch durch revolutionäre Aktionen gestört sein wollte. Es kam die Ära der Nichtangriffspakte, die 'demokratisch-pazifistische Phase', die Politik des 'wahren Friedens' , der systematisches Niederhaltung jeder revolutionären Bewegung. (....)
Der Verrat lohnte sich. Es gelang Rußland endlich, Zugang zu jenen Veranstaltungen zu finden, bei denen die Taschenspieler, Akrobaten und Jongleure der bürgerlichen Politik ihre volksbetrügerischen Künste spielen lassen. So wurde es zu diversen Abrüstungskonferenzen in Genf zugelassen, wo es eine höchst zweideutigen Rolle spielte. Um so eindeutiger trat in der Folgezeit sein Bestreben, um jeden Preis mit in das imperialistisch-diplomatisch Geschäft zu kommen, zutage." (Brauner und Roter Faschismus in: Schriften S. 67)
Linkskommunistische Versuche, die Räte in Form der Arbeiterunionen
fortzusetzten, an denen auch Rühle intensiven Anteil hatte, scheiterten.
Die revolutionäre Rätebewegung zerfiel in eine Vielzahl von rivalisierenden
Splittergruppen. Die deutsche Arbeiterbewegung kehrte wieder in die gewohnten
Bahnen von Partei und Gewerkschaften zurück. Die KPD stieg zur Massenpartei
auf, indem sie Verbalradikalismus mit gleichzeitiger Orientierung auf den
Parlamentarismus, auf möglichst gute Wahlergebnisse, verband und damit
im Grunde die Politik der SPD im Kaiserreich fortsetzte.
Nach dem Zerfall der Allgemeinen Arbeiter Union (Einheitsorganisation),
die er nach dem Austritt aus der KAPD unterstützt hatte, konzentrierte
sich Rühle wieder vor allem auf pädagogische Themen. Zusammen
mit seiner Frau, Alice Rühle-Gerstel, und einem engen Kreis von Mitstreitern
in Dresden bemühte er sich darüber hinaus - an Alfred Adler orientiert
- um eine Integration psychologischer Erkenntnisse in die marxistische
Theorie. Ergebniss war unter anderem Rühles 1927 veröffentlichten,
heftig umstrittene Marx-Biografie. Diese Anstrengungen führten ihn
allerdings endgültig in die politische Isolation.
Die Arbeiterklasse war für Rühle nicht einfach nur Gegnerin
der bügerlichen Gesellschaft, sondern zunächst und vor allem
ihr Bestandteil. So betonte er 1930 in einer Kultur und Sittengeschichte
des Proletariats:
"Wer dauernd Gelegenheit, das Proletariat in allen seinen Lebensäußerungen zu beobachten, ist immer wieder erstaunt und betroffen angesichts der Tatsache....wie sehr der Lebenstil des Kleinbürgerlichen seinen Bedürfnissen und Wünschen entspricht." (zitiert nach: Jacoby/Herbst S. 72)
Der Reformismus habe seine materielle Basis im unmittelbaren Interesse
des Proletariats an der Befriedigung der Grundbedürfnisse und einem
gesicherten Arbeitsplatz. Auch die Masse der Anhänger der linken Parteien,
seien durch die herrschende bürgerliche Kultur geprägt, was sich
selbst in den revolutionsromantischen Emblemen widerspiegele.
Diese Arbeiterbewegung konnte dem Angriff des Faschismus nicht standhalten.
In den frühen 30er Jahren versuchte Rühle mit den unter dem Pseudonym
Carl Steuermann erschienen Schriften Weltkrieg -Weltwende - Kurs auf den
Staatskapitalismus und Der Mensch auf der Flucht in die politische Diskussion
einzugreifen, in denen er sich mit der wachsenden Bedeutung des Staates
in der kapitalistische Ökonomie und der faschistischen Bewegung auseinandersetzte.
1933 emigrierten Otto Rühle und Alice Rühle-Gerstel nach
Prag und fanden 1936 eine Zuflucht in Mexico. Dort arbeitete Rühle
anfänglich als Berater der Regierung in Erziehungsfragen, bis er,
vermutlich infolge des Druck stalinistischer Kreise, seine Stelle verlor.
Politisch wirkte er u.a. als Beisitzer am Trotzki-Prozess mit, der sich
mit dem Vorgehen Stalins kritisch auseinandersetzte. Trotz gravierender
Meinungsverschiedenheiten entwickelten sich freundschaftliche Beziehungen
zwischen Rühle und Trotzki, bis dieser 1940 ermordet wurde. Während
dieser Zeit entstanden auch u.a. die in Rühles Nachlass gefundenen
Schriften "Roter und Brauner Faschismus" und "Weltkrieg, Weltfaschismus,
Weltrevolution." Darin spitzte er seine Kritik an der Sowjetunion soweit
zu, dass er ihr System mit dem Faschismus gleichsetzte, die gravierenden
Unterschied zwischen Faschismus und Stalinismus gerieten ihm dabei aus
dem Blickfeld. Allerdings muss man berücksichtigen, dass er seine
Polemik vor Auschwitz verfasst hat. Auch geht es ihm nicht um eine Rechtfertigung
der bürgerlichen Gesellschaft im vorfaschistischen Deutschland bzw.
in den westlichen Demokratien, sondern um die Neubestimmung einer revolutionär-sozialistischen
Perspektive, an der er bis zu seinem Lebensende festhielt.
Am 24. Juni 1943 starb Otto Rühle in Mexico-City an Herzversagen.
Nach der Niederlage der Novemberrevolution wurde die Tradition sozialer Revolten in Deutschland durch den siegreichen Nationalsozialismus ein weiteres Mal, und diesmal vollständig, unterbrochen. Das reaktionäre Offizierskorps und die rechtsradikalen Mörderbanden, die die sozialdemokratische Führung zur Niederschlagung der sozialen Revolution mobilisiert hatten, hatten die nächstbeste Gelegenheit benutzt, sich ihrer Steigbügelhalter zu entledigen. Alle Anbiederungsversuche, bis in die Frühzeit der NS-Herrschaft hinein , mit denen die SPD ein Parteiverbot zu verhindern suchte, erwiesen sich als nutzlos. Militärs, Industrielle und Faschisten waren nicht bereit, noch einmal einen Unsicherheitsfaktor im eigenen Land zu dulden, wenn es darum ging gegen den Rest der Welt Krieg zu führen. Auf der anderen Seite erwies sich die KPD als Unfähig zu irgendeiner eigenständigen Aktion gegen den Faschismus. Ihre bedingungslose Unterordnung unter die Befehle der Moskauer Komintern-Zentrale, die nur Fortsetzung ihrer gesamten autoritären Verfasstheit war, führte sie direkt in die kampflose Kapitulation.
Der Marxismus-Leninismus, die Russland entwickelte, verstümmelte
und dogmatisierte Variante des Marxismus, trat währenddessen als Legitimationsideologie
spätbürgerlicher Revolutionen in den Peripherien des Kapitalismus
ihren Siegeszug an. Aus einer wissenschaftlichen Methode wurde eine säkularisierte
Ersatzreligion. Die Tendenz zur Militarisierung der Revolution, die Rühle
bereits den Bolschewiki angekreidet hatte, verschärfte sich. Waren
Lenin und Trotzki noch in erster Linie zivil-bürokratische Führer
gewesen, traten Mao und Ho-Chi Minh, Castro und Che Guevara von vornherein
ihre Karriere als Kriegsherren an. Der Kampfanzug, das militärische
Kommando, die Kriegswirtschaft galten ihnen, und ihren Bewunderern insbesondere
in Westeuropa, geradezu als Inbegriff des Sozialismus.
Mit einem "Verein freier Menschen", um ein Formulierung von Karl Marx
zu nehmen, wie ihn Otto Rühle und andere von den Hohepriestern des
Marxismus-Leninismus als "Ultralinke" und "Sektierer" gebranntmarkte im
Sinn hatten, hatte das alles allerdings herzlich wenig zu tun.
Otto Rühle: Schriften. Perspektiven einer Revolution in hochindustrialisierten Ländern. Herausgegeben von Gottfried Mergner. rororo Klassiker. Reinbek bei Hamburg 1971 Schriften aus dem Nachlass Rühles: Brauner und Roter Faschismus (1939) und Weltkrieg, Weltfaschismus, Weltrevolution (1940); Briefe: Lieber Genosse Schlamm, Formenwandel im Klassenkampf
Otto Rühle: Die Revolution ist keine Parteisache! (1920) in: Dokumente der Weltrevolution Band 3 - Die Linke gegen die Parteiherrschaft; Frankfurt a.M., Wien, Zürich 1970