Immer sauber bleiben!

[Ein Kommentar zum Artikel von Hans Schueler in der ZEIT vom 11.07.97]


Wenn der Journalist Hans Schueler in der "Zeit" vom 11. Juli uns mitteilt:
"Die Bundeswehr hat nie lernen müssen, mit Mördern und Vergewaltigern umzugehen"
- was will er damit sagen? Im Zweifelsfall: nicht viel. Die "Zeit" ist eine liberale Zeitung, und wenn Bundeswehrsoldaten Hinrichtungen und Vergewaltigungen üben-darstellen-nachspielen, dann findet sich dort neben einem Artikel, der einige empörte Besorgnis ausdrückt, natürlich auch einer, der das ganze aus einer anderen Perspektive sieht - nicht so sehr empört, als vielmehr besorgt: Was ist bloß mit der Bundeswehr los, und wie kann man ihr helfen, damit so unschöne Szenen nicht mehr vorkommen? Diese Aufgabe ist Hans Schueler zugefallen, 70 Zeilen à 50, Journalismus ist ein hartes Brot, meine Güte, er hat die 70 Zeilen halt vollgeschrieben. Da rutscht schon mal die eine oder andere nicht vollständig durchdachte Formulierung durch - etwa die hier: die Soldaten der Bundeswehr wüßten
"bis heute nicht, was gegen einen serbischen General zu tun ist, der seinen Soldaten oder seiner Soldateska befiehlt oder erlaubt, Landsleute umzubringen, Frauen zu vergewaltigen und Kinder zu erschlagen, nicht weil sie Feinde, sondern weil sie muslimischen Glaubens sind."
Wir merken uns bitte: die Schweinepriester, die den Ruf des Soldatenhandwerks in den Dreck gezogen haben, sind serbische Generäle, und als solche befehligen sie kaum ordentliche Soldaten - das sind natürlich unsere Jungs - sondern eine Soldateska, die es mit ihrem Gewissen vereinbaren kann, Landsleute umzubringen und nicht den bösen Feind, der ja immer Ausländer ist. Daß noch in keinem Krieg Frauen vergewaltigt und Kinder erschlagen worden sind, bevor die Serben damit angefangen haben - wer weiß, vielleicht glaubt Herr Schueler das ja wirklich. Was also ist nun gegen die serbischen Unholde zu tun? Hans Schueler tastet sich an die Frage heran, und das tut er so virtuos, daß er hier ausführlicher zitiert werden soll:
"Die deutschen Soldaten, die mit der Ermächtigung des Bundestages in Bosnien gemeinsam mit ihren NATO-Verbündeten den Frieden erhalten sollen, werden jetzt an der Kampftruppenschule in Hammelburg ausgebildet, wie sie mit Mördern, Vergewaltigern und anderem kriminellen Gesindel umzugehen haben. Gleichsam als Attrappen werden ihnen Wehrpflichtige in der Grundausbildung (rechtsum, linksum) zugeteilt, die die Opferrolle zu übernehmen haben. Das ist ein wahrhaft glorioses Konzept der Dienstoberen für das Kriegsspiel mit anderen Mitteln. Man hätte es auch mit Komparsen in einem bundesdeutschen Knast aus Dealern oder Mördern inszenieren können, aber nicht mit Wehrpflichtigen beliebiger Herkunft, die ihrem Spielspaß freien Lauf ließen, indem sie - just for fun - damit einmal vermeintlich Ernst machten."
Wie deutsche Soldaten nun also mit serbischer Soldateska umzugehen haben, ist immer noch nicht klar. Klar ist aber, deutsche Wehrpflichtige, die ihrem Spielspaß an Hinrichtungen und Vergewaltigungen einmal freien Lauf ließen, können eigentlich nix dafür. Sie sind ihrer verantwortungsvollen Aufgabe nicht gewachsen, sie sind überfordert, sie haben Spaß am Spiel mit Waffen - alles Merkmale, die sie deutlich von der serbischen Soldateska unterscheiden. Die Bemühung eines liberalen Journalisten, die völlige und unwandelbare Ehrenhaftigkeit und Sauberkeit der deutschen Soldaten zu behaupten, wenn diese Soldaten gerade nicht nur das Gegenteil erwiesen haben, sondern auch noch blöd genug waren, dies öffentlich werden zu lassen, diese Bemühung wird dann ein bißchen peinlich, wenn sie zu der Anregung führt, solche Ausbildungskriegsspiele doch zweckmäßigerweise mit "Dealern oder Mördern aus bundesdeutschen Knästen" zu inszenieren. Was soll das eigentlich heißen? Laßt Profis ran?! Das kann nun nicht gemeint sein, denn Schueler läßt keinen Zweifel daran, daß Soldaten keine Mörder wären. (Soll heißen: unsere Soldaten. Bei der serbischen Soldateska sieht das möglicherweise anders aus...) "Auch ihr prinzipieller Auftrag," so Schueler, "zu kämpfen und den Feind im Kampf zu töten, impliziert nicht den Mord." Das mußte endlich mal gesagt werden. Seit mehreren tausend Jahren behaupten nun Philosophen, Religionsstifter, Dichter und ähnliche landfremde Elemente das Gegenteil; da kann es nicht schaden, wenn einmal der liberale Journalist aufsteht wie ein Mann, zornig mit den Fuß stampft und zu Protokoll gibt, daß ihm doch die europäische Geistesgeschichte den Buckel längsrutschen könnte. Tapfer! Der liberale Journalist setzt sich wieder, noch etwas außer Atem vor lauter wehrhafter Demokratie, und gerät ein bißchen ins Grübeln: Nach den Kriegen liegen allerdings immer mehr Leichen rum, als unbedingt erforderlich gewesen wäre... Auch diese Erwägung wird sogleich in eine relativ unvergängliche Formulierung gebannt:
"Aber der Tötungsauftrag kann Soldaten in Versuchung führen, auch wenn das Verbot die Regel bleibt, die Ausnahme davon jedoch im Grundsatz dargestellt wird."
Erhebt sich wiederum die Frage: Was will der Mann? Die beispielhafte Verquastheit des Artikels mitsamt den Einsprengseln offenen Schwachsinns erklärt sich aus der Ausweglosigkeit der Lage, in der Schueler manövrieren muß: er will Soldaten, er will sie einsetzen, und er will sie unschuldig und sauber. Das geht nicht. Das ist um keinen Preis zu haben; und nicht nur deshalb nicht, weil im Krieg nun einmal Verbrechen vorkommen, sondern weil der Krieg das Verbrechen ist. Wer da mitmacht, wird zum Verbrecher; und es ist ja auch kein Zufall, daß der grundsätzliche Unterschied zwischen serbischer Soldateska und Hammelburger Nichtsoldateska in dem Artikel nicht so recht klar wird - es gibt auch nur den einen: jene hat Krieg geführt, diese hat Krieg gespielt. Daß aber die Kriege, an denen die Bundeswehr teilnehmen sollte, eine saubere Angelegenheit würden, weil wir sie "friedenserzwingende Maßnahmen" getauft haben und wir natürlich immer auf der guten und gerechten Seite sind - daran muß man dann einfach ganz fest glauben.

Christian Axnick