(Quelle: "junge Welt" vom 17.9.2001)
1. Das ist kein Krieg
Auch wenn die Dimension der Terroranschläge schockierend ist: Das ist kein Krieg. Bis jetzt noch nicht. Kriege sind bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Staaten oder Bürgerkriegsparteien in einem Land; Krieg erfordert einen bekannten Gegner, dessen militärische Struktur angegriffen werden kann.
Das Etikett »Krieg« lenkt ab von der Fragwürdigkeit
von blinden Vergeltungsschlägen, die vorwiegend aus symbolischen und
innenpolitischen Gründen forciert werden. Es sei daran erinnert, daß
z.B. die »Ziele« im Sudan, die 1998 von den USA bombardiert
wurden, sich nachträglich als »Irrtum« herausstellten.
Terror wird durch Gegenterror nicht bekämpft, und er rechtfertigt
ihn nicht.
2. Es kommt jetzt alles darauf an, keinen Krieg daraus zu machen
Die Rhetorik vom Krieg und die Politik des Gegenschlags spielt in leichtfertiger
Weise mit der Gefahr eines tatsächlichen Krieges, vor allem eines
Krieges zwischen dem Westen und arabischen Ländern. Zweifellos geht
Terror in der Welt auch vom Boden der USA und Europas aus; daß eine
Bombardierung entsprechender »Zentren« nicht verständnisvoll
hingenommen werden kann, erleben wir gerade. Dasselbe gilt für Länder
in Asien, Afrika oder Nahost aber auch. Aktuell ist es der Westen, der
einen Angriffskrieg gegen arabische Staaten vorbereitet, der bereits als
Krieg des Guten gegen das Böse abgefeiert wird. Die Geschwindigkeit,
mit der angebliche »Erkenntnisse« produziert werden, ist mehr
als fragwürdig. Die Leichtfertigkeit, mit der das Risiko eines tatsächlichen
Krieges in Kauf genommen wird, ist ebenso schockierend wie das Desinteresse
an den Menschen, deren Leben direkt und indirekt gefährdet wird.
3. Das ist kein Anschlag gegen die Freiheit, nicht einmal gegen den Kapitalismus, und es läßt sich auch keiner draus machen
Mit den verheerenden Anschlägen sind weder die »freie Welt«,
sprich der Westen, noch die »zivilisierte Welt«, sprich die
Industriestaaten, auch nicht die »Demokratie«, sprich der Kapitalismus
angegriffen worden. Abgesehen davon, daß man bis jetzt nicht weiß,
wer die Anschläge mit welchem Ziel durchgeführt hat, richten
sie sich gegen Symbole der USA als weltweiter Interventionsmacht, ökonomisch
und militärisch. Das ist eine relativ spezielle Botschaft. Die Rede
vom »Angriff auf die Freiheit« bäckt dieses spezifische
Gewaltpotential mit allem und allen in der Gesellschaft zusammen und verdeckt
gezielt, daß eben diese Interventionsmacht und -praxis seit langem
bewußt und kalkuliert Risiken auch für die eigene Bevölkerung
anzieht - vor allem, indem sie anderswo Gewalt ausübt und Armut schafft,
aber auch, indem sie bedenkenlos Gruppen militärisch aufrüstet,
über die sie dann die Kontrolle verliert.
4. Das ist kein Anschlag für die Freiheit, nicht einmal gegen den Kapitalismus, und es läßt sich auch keiner draus machen
Man muß keine Sympathie für das Pentagon oder für das internationale Finanzkapital hegen, um festzustellen, daß die Anschläge eine faschistische Handschrift tragen. Ähnlich wie bei den Anschlägen in Bologna, Oklahoma und anderen sollten mit maximaler Gewalt möglichst viele Menschen getötet werden, Chaos und Krieg sind die kalkulierten, erhofften Folgen dabei. Der Tod von Zivilisten, die unmittelbare Lebensgefahr die für Palästinenser, für Israelis, für die Bevölkerung arabischer Staaten und viele andere hervorgerufen wird, sind den Tätern vollständig gleichgültig.
Egal ob die Verantwortlichen arabische Fundamentalisten, amerikanische
Rechtsextreme, eine Verbindung mehrerer Gruppen oder ganz andere waren:
Hier läßt sich kein antikapitalistischer Kontext konstruieren,
hier rechnet ein reaktionäres, organisiertes Machtpotential mit einem
Gegner ab, der der eigenen Macht im Weg steht; hier wird geschlachtet,
weil man sich von den Folgen eine Eskalation verspricht, von der das eigene
Machtgebilde auf Kosten zahlloser anderer profitieren soll.
5. Die Anschläge sind der Bankrott einer militärisch und polizeilich fixierten Sicherheitspolitik; ein Weitergehen in diese Richtung ist verantwortungsloses Hasard
Die Rede vom Krieg verdeckt auch, daß es vor Terroranschlägen
keinen absoluten Schutz gibt. Die eigene Sicherheit zu erhöhen, erfordert
Politik, nicht militärische Schlagkraft. Es erfordert eine Politik,
die zumindest in höherem Maße auf Kooperation, Ausgleich und
Kompromiß bedacht ist, wenn es um ökonomische Politik und internationale
Konflikte geht. Auch wenn die Terroranschläge nicht beanspruchen können,
irgend jemand zu »repräsentieren«, haben sie einen verbreiteten
realen Haß auf den Westen und die USA zur Voraussetzung, um ihre
Söldner zu rekrutieren und sich erfolgreich vor Infiltration abzuschotten.
Diesen Haß kann man militärisch nicht zerschlagen, er ist die
Bilanz einer Politik, die weiten Teilen der Menschheit nichts zu bieten
hat - nicht die Ambivalenz eines noch halbwegs auskömmlichen Lebens
im Kapitalismus, sondern buchstäblich nichts außer Gewalt, Armut,
Vertreibung und Demütigung. Sicherheitspolitik besteht heute im Protest
gegen die Politik der G8. Wer findet, am wichtigsten sei, daß die
Bundeswehr jetzt auch möglichst schnell ihre globale Interventionsfähigkeit
weiter vorantreibt, ist nicht nur zynisch, er riskiert bereitwillig unser
aller Leben um der Interessen von Eliten und »Systemzwängen«
willen.
6. Es ist notwendig, deutlich zu machen, daß wir uns weigern, einen Krieg zu führen
Die an sich bekannte Wahrheit, daß Krieg das Schlimmste ist, was
passieren kann, wird derzeit beschleunigt zugedeckt. Wir erleben kriegsvorbereitende
Propaganda. Es ist wichtig, klarzumachen, daß ein Krieg auf Widerstand
stößt. Anteilnahme und Solidarität für die Getöteten
in Amerika und ihre Angehörigen sind wichtig. Für die innenpolitischen
Interessen von Bush und die strategischen Machtinteressen deutscher Eliten
im Nahen Osten den Kopf hinzuhalten, hat damit nichts zu tun.
7. Es ist notwendig, einer Spirale von Rassismus entgegenzutreten
Es gibt bereits Angriffe auf Ausländer, speziell auf Menschen aus arabischen Ländern oder aus mehrheitlich moslemischen Ländern, in den USA und auch hier. Das Spiel von oben ist dasselbe wie immer: Man will solche Übergriffe nicht haben, betreibt aber die Politik, die sie vorbereitet. Es geht eben nicht darum, daß »nicht alle Araber so sind« oder der Islam auch ganz nett sein kann. Es geht um aktiven Schutz für Gefährdete, es geht um eine selbstkritische Haltung gegenüber der eigenen Politik und Dominanz. Es geht um das Anerkennen der Tatsache, daß es auch Haß gibt und daß er auch reale Gründe hat. Es geht um das Eingeständnis der Tatsache, daß der Westen jeder emanzipatorischen oder sozialen Alternative innerhalb des Islam oder innerhalb der arabischen Gesellschaften mit kompromißloser Härte entgegengetreten ist, einfach wegen des Öls. Und es geht darum, mit der realen Vielgestaltigkeit von Positionen, politischen Überzeugungen und sozialen Kräften endlich zu kooperieren, zu kommunizieren und zu verhandeln, anstatt sich die Feindbilder zu schaffen, die das eigene Draufhauen immer wieder aufs neue legitimieren sollen.
Christoph Spehr
(Autor für alaska - Zeitschrift für Internationalismus)