Schwule, Kriegsdienstverweigerung und Bundeswehr

[Interview mit Stefan in Kalaschnikov, Sendung vom 30.07.1997]


Kalaschnikov: Stefan, Du arbeitest für die "Schwulen Kriegsdienstgegner" in Berlin. Du machst Beratung für schwule KDVer. Welche Besonderheiten gibt es für schwule KDVer? Ist Schwulsein ein Ausmusterungsgrund?
Stefan: Wir - die Schwulen Kriegsdienstgegner e.V. - hatten 1992 angefangen, uns mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Damals haben wir auch überlegt: brauchen Schwule eine eigene Kriegsdienstverweigerungsberatung? Wir sind dann darauf gekommen, daß das doch ganz sinnvoll wäre, weil viele schwule junge Leute Angst haben, in eine normale Beratungsstelle zu gehen und sich dort öffentlich zu äußern, über ihre Gefühle zu sprechen oder über ihre Ängste. Wir machen die Beratung im Mann-O-Meter, in einem schwulen Infoladen in Berlin. Die Ratsuchenden wissen von vorneherein, daß bei uns Schwulsein nichts besonderes, nichts Abartiges ist. Sie können offen sprechen und erwarten, daß bei uns Berater sitzen, die Ahnung vom Schwulsein haben und damit umgehen können.
Ausgemustert wird man wegen Schwulsein alleine nicht. Das funktioniert sicherlich noch in einigen wenigen ländlichen Kreiswehrersatzämtern, irgendwo in einem bayerischen Idyll vielleicht oder in einem kleinen Dorf an der Nordsee, wo manche Ärzte von Annodazumal Schwulsein noch als eine Krankheit ansehen und dann automatisch ausmustern. Ansonsten ist das alleine kein Grund mehr.

Kalaschnikov: Das heißt, die jungen Männer, die nicht verweigern, kommen wegen ihres Schwulseins nicht um den Dienst bei der Bundeswehr rum..?
Stefan: Wenn es zum Beispiel Gründe gibt, die aufgrund ihrer Homosexualität entstehen - also wenn zum Beispiel junge Menschen im coming out stecken, dann haben sie oftmals Probleme mit sich selbst, mit ihren Eltern, mit ihrem Umfeld, mit Freunden, Verwandten, und sie hängen dann vielleicht so ein bißchen durch. Dann kann es durchaus sein, daß solche Leute erst einmal zurückgestellt werden wegen einer vorübergehenden Untauglichkeit. Die Überlegung der Bundeswehr lautet dann: diese Wehrpflichtigen sollen zuerst einmal zu sich selber finden, bis sie ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden haben.
Oder, wenn es nicht um coming-out-Fragen geht, wenn es sich einfach um Menschen handelt, die Angst vor der Bundeswehr haben, die die Bundeswehr mit irgendwelchen Schreckensvisionen verbinden, die Angst haben vor Diskriminierungen, vor Übergriffen, oder die nur Angst haben ohne diese näher schildern zu können, die einfach nur ein flaues Gefühl im Magen haben - die können unter Umständen ausgemustert werden. Wenn sie einen Arzt, einen Psychologen oder einen Psychotherapeuten finden, der ihnen das Vorhandensein solcher Ängste bescheinigt und der von der Ableistung des Dienstes bei der Bundeswehr abrät. Allerdings sollte man nicht blind ins Kreiswehrersatzamt rennen und erzählen: "Ich möchte zum Psychologen". Dann landet man sehr schnell bei den Psychologen der Bundeswehr. Und diese geschulten Leute wissen genau, wie sie die Leute irgendwie ‚ummodeln' können, so daß der Hinweis auf Ängste als Ausmusterungsgrund nicht mehr funktionieren wird.

Kalaschnikov: Wieviel Beratungen habt Ihr durchschnittlich?
Stefan: Das ist unterschiedlich. Mal kommen drei Leute in die Beratung, mal sind das fünf pro Woche. In den Sommerferien kommt niemand, weil dann lieber alle im Tiergarten in der Sonne liegen. Dann mache ich immer noch eine ganze Menge Beratungen über's Internet, was sich ja ideal anbietet. Ich mache darüber keine Statistiken, aber es sind jedenfalls genügend Menschen, die Probleme damit haben.

Kalaschnikov: Wie sieht die Situation für Schwule in der Bundeswehr generell aus?
Stefan: In der Bundeswehr gibt es in diesem Zusammenhang sehr unterschiedliche Aspekte. Es gibt einerseits Fälle, daß Leute darüber berichten, daß sie ihr coming out bei der Bundeswehr erlebt haben, durch diese Männerzwangsgemeinschaft vielleicht gefördert - gemeinsames Duschen kann ja auch Spaß machen... Zum Teil sagen Vorgesetzte auch ganz klar, daß niemand diskriminiert wird und daß jene, die ausfällig werden, Schwierigkeiten bekommen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch böse Vorfälle innerhalb der Kasernen. Angefangen bei verbalen Beleidigungen bis hin zu ernsthaften Gefährdungen des Lebens: Leute werden vergewaltigt, man steckt ihnen Colaflaschen hintenrein - alles nicht sehr angenehm. Fälle, bei denen die Vorgesetzten sehr wohl wissen, was da läuft. Aber in der Bundeswehr funktioniert vieles nur mit weiter nach unten treten. Und die Schwächsten haben dann gar keine Chancen mehr.

Kalaschnikov: Was passiert, wenn sich Berufssoldaten als schwul outen? Ist die Karriere in der Uniform dann vorüber?
Stefan: Meistens ist die Karriere dann vorbei. Es kommt dann auch vor, daß die Betroffenen degradiert werden, das heißt sie bekommen auch weniger Geld. Zumindest aber dürfen schwule Berufssoldaten keine Ausbildungsfunktionen mehr wahrnehmen. Also kein Kontakt mehr mit Wehrpflichtigen, mit denen sie ja ins Zeltlager huschen könnten. Denn die Bundeswehr sieht hierbei die irrsinnige Gefahr der "Verführung". Oder die Möglichkeit einer Erpreßbarkeit. Das ist natürlich alles an den Haaren herbeigezogen. Der Grund dafür aber dürfte dieses Bild der harten Männer in der Bundeswehr sein, die jetzt für Kampfeinsätze im Ausland vorbereitet werden. Da passen Schwule nicht rein. Für meine Begriffe haben sie in der Bundeswehr allerdings auch nichts verloren.

Kalaschnikov: Da schließt sich eine weitere Frage an: Wie ist denn das Verhältnis zwischen schwulem Selbstverständnis, das u.a. auf die Veränderung männlicher Rollen abhebt, und dem Männerbild bei der Bundeswehr zu charakterisieren?
Stefan: In diesem Jahr hatte ich auf dem schwul-lesbischen Straßenfest in Berlin einige interessante Gespräche mit Uniformfetischisten, die ein Männlichkeitsbild ausleben, das weniger dem Klischee eines Schwulen entspricht. Die finden die Uniformen an sich scharf und finden es geil, einen Mann darin zu sehen und ihn daraus zu befreien. Für sie hat das allerdings alles mit Spaß und Lust und Sex zu tun. Aber in keinem Fall darf es für sie etwas mit Gewalt in dem Sinne zu tun haben, daß einer wirklich ernsthaft unterdrückt wird, daß einer mit der Knarre in der Hand in ein Krisengebiet geschickt wird. Da wird sehr deutlich unterschieden. Ansonsten fehlt mir allerdings der Einblick, was in den Kasernen tatsächlich läuft. Ich kann mir durchaus vorstellen, daß es manche anziehend finden. Nur denke ich, daß es andere Bereiche gibt, in denen man Uniformfetischismus ausleben kann. Das muß nicht unbedingt in der Kaserne sein.

Kalaschnikov: Denkst Du die Bundeswehr ist hinsichtlich ihres Umganges mit Schwulen reformierbar? Oder glaubst Du, daß Schwule schlichtweg nicht in die Bundeswehr gehören?
Stefan: Ich glaube, die Bundeswehr ist an sich kaum reformierbar. Sie wird in der Öffentlichkeit momentan darauf vorbereitet, Auslandseinsätze zu machen. Dafür macht sie auch immer wieder Imagewerbung - was man ihr ja kaum verdenken kann - zum Beispiel jetzt bei diesem "tollen" Einsatz an der Oder (beim Hochwasser im Sommer 1997). Dann sagt jeder, die Jungs seien toll, wie sie Sandsäcke schleppen. Dabei verliert man aber sehr schnell die eigentliche Aufgabe der Bundeswehr aus den Augen. Und die ist nunmal einfach, Menschen im Extremfall zu töten. Das muß man sich immer wieder vor Augen führen. Und in Kriegen - das hat man in Ex-Jugoslawien gesehen - gibt es immer wieder das Problem, daß die gewinnenden Soldaten über das Land herziehen und daß dann Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind - d.h. Männer vergewaltigen Frauen. Schwule können dabei nicht so "mitmachen", wie es von Soldaten gefordert wird.
Inzwischen gibt es übrigens auch einen Bundesarbeitskreis von schwulen Soldaten, die versuchen, für ihre Rechte einzutreten. Sie verkennen nur dabei, die ureigentliche Aufgabe von Militärs und was es heißt, Soldat zu sein, nämlich, andere Menschen zu töten, zu unterdrücken und blind auf Befehl irgend etwas zu tun, bei dem man selbst keinen Durchblick mehr hat.

Kalaschnikov: Zum Schluß möchte ich noch nach der Situation für Schwule in anderen NATO-Armeen fragen?
Stefan: Als Negativbeispiel ist in den USA der don't ask, don't tell bekannt. Also: nichts fragen und nichts sagen, dann können die Leute in der Armee bleiben. Und wenn das Schwulsein einzelner zu öffentlich wird und die Medien daran Interesse finden, dann fliegen die Leute raus. Das ist auch in Großbritannien noch so. Auf der anderen Seite gibt es Beispiel wie etwa Holland, das Deutschland immer um Jahre voraus ist und wo schwule Soldaten an sich kein Thema sind. Weil es eben in Holland allgemein kein Thema ist, schwul oder bisexuell oder - wenn es denn sein muß - auch heterosexuell zu sein.

GWI