Anmerkungen zur Geschichte der allgemeinen Wehrpflicht


"Legitimes Kind der Demokratie", "Schule der Nation", "Staatsbürger in Uniform", mit diesen und ähnlichen Schlagwörtern wurde in der bundesdeutschen Debatte gerade vor 1989 das System der allgemeine Wehrpflicht charakterisiert und gerechtfertigt. Nun glaubt inzwischen kaum noch jemand, die allgemeine Wehrpflicht sei die notwendige Vorraussetzung für eine parlamentarische Demokratie und mithin für die bürgerlichen Freiheiten die sie gewährt. Gerade Länder die Länder mit der längsten ungebrochenen parlamentarischen Tradition, Großbritannien und die USA haben sich schließlich dieses Instrumentes nur in Ausnahmesituationen bedient, während das kaiserliche und das nationalsozialistische Deutschland ihre Angriffskriege mit Wehrpflichtarmeen führten. Dennoch besteht offenbar zumindestens im kontinentalen Europa ein enger Zusammenhang zwischen Nationalstaatlichkeit, Staatsbürgerschaft und der allgemeinen Wehrpflicht, bei deren Einführung die französische Revolution ja tatsächlich eine entscheidende Rolle gespielt hat.

1.Die Krise der absolutistischen Kriegführung als Ursprung der allgemeinen Wehrpflicht

Mit der Effektivierung der Kriegführung, der sie den Weg bahnen sollten, hatten die Revolutionäre freilich ursprünglich nichts im Sinn. Ihre Ziele waren antimilitaristisch, freiheitlich und am Ideal eines friedlichen Völkerbundes orientiert. Erst die Aufstände im Inneren und der Angriff der feudal absolutistischen Nachbarstaaten bewog die Republik den allgemeinen Kriegsdienstzwang einzuführen. Das gleiche gilt für den revolutionären Terror, doch würde niemand auf die Idee kommen, deswegen die Guillotine als legitimes Kind der Demokratie zu preisen.

Nach eine kurzen Übergangsphase des Zusammenbruchs des Absolutismus wurde die überkommenen Staatsgewalt rekonstruiert, furchterregender und effizienter als je zuvor. Die französische Revolution war der entscheidende Schritt hin zum Nationalstaat, damit auch zur allgemeinen Wehrpflicht und zum Massenkrieg. Sie forcierte die schon vorhandenen Tendenzen des Staates, seine Befugnisse auszuweiten, zu zentralisieren und dabei die Stände zu entmachten. Den entscheidenden Sieg hatte die Zentralgewalt bereits im Zuge der an die Reformation anschließenden Religionskriege errungen, deren Ergebnis im Westfälischen Frieden von 1648 ratifiziert wurden. Erst ab diesem Zeitpunkt läßt sich von an einem europäischen Staatensystem sprechen, der Konfessionsstaat war der direkte Vorläufer des Nationalstaates. Die vielfältigen Formen lokaler Autonomie, der Dörfer und freien Städte (die sich beispielsweise im Bauernkrieg von 1525 gegen den frühabsolutistischen Staat zur Wehr gesetzt hatten) waren niedergeworfen wie die niederen Feudalherren und last but not least die Kirche als eigenständige Macht. Die Masse der Bevölkerung war entwaffnet - die adlige Kriegerkaste wurde der Kern der stehenden Heere, die nach dem Dreißigjährigen Krieg an die Stelle der sporadisch angeworbenen Landsknechtsaufgebote getreten waren. Alles das vollzog sich in einem permanenten Kriegszustand, der auch das Europa des Absolutismus prägen sollte -wenn auch mit weniger verheerenden Folgen wie 1618-48. Die wachsenden Ausgaben für den Krieg als Folge der Fortentwicklung von Feuerwaffen und Festungsanlagen, verlangten eine Ausdehnung des kapitalistischen Wirtschaftssektors ebenso wie sich die Zentralgewalt den Zugriff auf immer größere Teile der männlichen Bevölkerung sich sichern suchte. Aus den Zwangrekrutierungen des absolutistischen Staates entwickelten sich, ebenfalls bereits lange vor der Revolution, die Grundzüge der allgemeinen Wehrpflicht. Aber die Schwäche der Zentralgewalt, deren Macht, im krassen Gegensatz zu ihrem Anspruch auf absolute Herrschaft, noch sehr begrenzt war, war noch ein schier unüberwindliches Hinderniss bei der Durchführung derartiger Bestrebungen. Es waren nicht allein Finanzierungsschwierigkeiten, die den Aufbau der dazu nötigen Bürokratien erschwerten, auch der Standesdünkel der adligen Offiziere, die sich gegen die Vorstellung einer Volksbewaffnung sträubten spielte eine wichtige Rolle - vor allem aber der erbitterte Widerstand der von den Zwangsrekrutierungen betroffenen Bauern. Gerade dieses Hindernis räumte die französische Revolution beiseite, in dem sie Macht der Zentralgewalt entscheidend ausdehnte und vor allem ihrem Vorgehen Legitimität verlieh, so daß sich Alexis de Tocqueville schon 1856 über die Bereitschaft der Franzosen, dem allgemeinen Kriegsdienstzwang nachzukommen wunderte - verglichen mit dem Ancien Regime, als die Bauern noch alles taten, um den damals Miliz genannten Zwangsrekrutierungen zu entkommen.

"Keine öffentliche Last scheint in der Tat den Bauern unerträglicher gewesen zu sein als diese; um sich ihr zu entziehen, flüchteten sie oft in die Wälder, wo man sie mit bewaffneter Hand verfolgen mußte. Man staunt darüber, wenn man bedenkt, mit welcher Leichtigkeit sich heute die unfreiwillige Rekrutierung vollzieht." (Der alte Staat und die Revolution, 132)

In Preußen sah die Situation vor den napoleonischen Kriegen nicht anders aus. Bereits 1733 waren dort die ersten Schritte hin zur allgemeinen Wehrpflicht gemacht worden. Das in diesem Jahr vom "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. erlassene Kantonsreglement verpflichtete die formell die gesamte männliche Landbevölkerung zum Kriegsdienst. Von dieser Anordnung wurde jedoch nur in Ausnahmefällen Gebrauch gemacht, die Mehrzahl der Soldaten wurde nach wie vor einzeln in die Armee gepresst. Die Massenhafte Desertion, als Folge der Werbemethoden und der katastrophalen Lebenumstände, stellte auch im Militärstaat Preußen das zentrale Hindernis der Kriegführung dar: Während der Regierungszeit Friedrich Wilhelm I. kehrten über 30 000 Mann dem Heer den Rücken, das entspricht in etwa der halben Sollstärke des Jahres 1740. Berücksichtig man, daß Friedrich Wilhelm I. vergleichsweise wenig Schlachten riskierte, und die meisten Desertionen während der chaotischen Zustände des Kampfes stattfanden, dürfte die Zahl der Deserteure, verglichen mit anderen Potentaten, sogar noch vergleichsweise niedrig liegen. Unter diesen Bedingung waren der absolutistischen Kriegführung enge Grenzen gesetzt: Schlachten wurden umgekehrt gerade deshalb vermieden, weil wenig Soldaten zur Verfügung standen, die nur mit äußerster Gewalt diszipliniert und an der Fahnenflucht gehindert werden konnten. Die Linientaktik, die die Kriegführung der europäischen Mächte ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bestimmte, war direktes Ergebnis dieser Schwierigkeiten bei der Disziplinierung der Soldaten. Die Linie zu drei Gliedern war dabei das Prinzip nach dem das Heer geordnet war, auf dem Marsch, im Lager und in der Schlacht. Dort boten die Soldaten allerdings aufgrund der Unbeweglichkeit der Schlachtordnung ein leichtes Ziel. Die Verluste waren derart dramatisch, daß die Heerführer, gezwungen, mit den knappen Soldaten sparsam umzugehen, lieber darauf setzten, den Gegner mit Märschen zu ermüden und seine Nachschubverbindungen zu stören.

Der Siebenjährige Krieg 1756-1763 kündigte schließlich das Ende der absolutistischen Kriegführung an. In ihm werden jedoch nicht nur die Grenzen der Linientaktik deutlich. Der Charakter des Krieges insgesamt beginnt sich tiefgreifend zu wandeln. Zwischen England und Frankreich trägt diese Auseinandersetzung bereits Züge eines Weltkrieges, der auf vier Kontinenten geführt wird, während er für Preußen eine Vorform des Nationalkrieges darstellt. Dort vollzieht Friedrich II. den Schritt von der Zensur zur Presselenkung. Es geht in diesem Konflikt nicht mehr nur um Grundbesitz, sondern auch um die öffentliche Meinung, sowohl im Inneren wie auch im Ausland, die es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu mobilisieren gilt. In dieser Zeit, und nicht erst in den Napoleonischen Kriegen, erlebte das gebildete Bürgertum im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation seinen ersten großen Politisierungsschub, und zwar mehrheitlich zu Gunsten Preußens und zu Ungunsten Österreichs. Nach dem Krieg leiten alle beteiligten Staaten Reformen ein, die allerdings in Frankreich die Revolution nicht verhindern können, sie im Gegenteil befördern. Diese Reformen betreffen nicht zuletzt das Militär.

In Frankreich war es insbesondere der Offizier Comte de Guibert, der sich unter dem Eindruck der Kriegführung Preußens für taktische Reformen aussprach. Guibert plädierte für eine Auflösung der bisherigen Linienformation, gleichzeitig sollte die Truppenstärke beträchtlich erweitert werden. Während der sich in der Frage "Linie oder Kolonne" bereits vor durchsetzte, verhinderten nicht zuletzt seine eigenen ständischen Vorurteile, daß er das von ihm und anderen Militärstrategen bereits angedachte Konzept des Bürger-Soldaten konsequent verfolgte, geschweige denn durchsetzen konnte. Dies hätte nämlich von den adligen Offizieren verlangt "zu akzeptieren, daß die Soldaten, um dem Staat besser dienen zu können, sich mit diesem identifizieren mußten."(John Keegan, Die Kultur des Krieges, 498)

2. Vom aufsässigen Untertanen zum gehorsamen Staatsbürger

Erst die Revolution beseitigte mit der Ständegesellschaft auch die Hindernisse, die diese einer effektiveren Kriegführung entgegensetzte. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Zuge der Revolutionskriege stellt eine entscheidende Zäsur in der Geschichte der Kriegführung dar, die kaum zu überschätzende Auswirkungen auf die Gesellschaft hatte. Alle vorangegangen Armeen hatten nur jeweils winzige Teile der Bevölkerung umfasst, an eine umfassende Mobilisierung der Bevölkerung war schon aus ökonomischen Gründen nicht zu denken - schließlich war die Landwirtschaft ausgesprochen arbeitsintensiv. Das blutige Handwerk der Kriegführung wurde zumeist von Deklassierten und sozial Ausgestoßenen und dem Kommando adliger Offiziere erledigt. Die Umwälzung der Kriegführung setzte also die Umwälzung voraus und bedingte sie umgekehrt. Erst die kapitalisierte und schließlich industrialisierte Landwirtschaft erwirtschaftete die Überschüße um die Überschüsse um eine derart ungeheure Menge von Soldaten ernähren zu können - was auch eine hochentwickelte Infrastruktur voraussetzte. Die Massenheere des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts entstehen nicht zufällig mit der Industriearbeiterschaft, auch wenn die noch bis ins 20. Jahrhundert hinein die ländliche Bevölkerung das Gros der Soldaten stellen muß. Die Herausbildung des Nationalstaates führt zur Verwandlung der Untertanen in Staatsbürger, die, unterwürfiger als je zuvor, durch die allgemeine Wehrpflicht erfaßt und in den Krieg geführt werden.

Außerhalb Frankreichs blieb die politische Revolution aus. Preußen, im 18. Jahrhundert der am stärksten vom Militär geprägte Staat Europas, führte die allgemeine Wehrpflicht ein, behielt jedoch die bestehenden sozialen und politischen Strukturen zunächst bei. Dieser Widerspruch wurde durch eine autoritär-nationalistische Ideologie überbrückt, wie sie auch für den von Preußen geschaffenen deutschen Nationalstaat charakteristisch war. Die allgemeine Wehrpflicht spielte eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung dieser Ideologie, die Armee wurde zur sprichwörtlichen Schule der Nation. Für Preußendeutschland gilt ebenso wie für die übrigen europäischen Staaten, einschließlich Frankreichs, daß die Wehrpflicht als dauerhafte Einrichtung lange vor dem allgemeinen Wahlrecht für Männer eingeführt wurde. Aber auch wenn die demokratischen Rechte der Mehrzahl der Wehrpflichtigen noch lange verwehrt bleiben, ist es die Transformation der Untertanen in Staatsbürger, die sie bereitwillig dem Kriegsdienstzwang folgen läßt. Die Masse der Bevölkerung wird erstmals in den Staat integriert, mit dem sie zuvor nur locker verbunden waren - die dörflichen und städtischen Gemeinschaften lebten in weitgehender Autonomie und Autarkie. Wird die örtliche Autarkie durch die voranschreitende Geldwirtschaft ausgehölt, wird ihre Autonomie immer weiter durch die Zentralgewalt eingeschränkt, der Staat durchdringt mit seinen "ideologischen Staatsapparaten" (Louis Althusser) die Gesellschaft. An die Stelle der Rituale der traditionellen Religion treten zunehmend diejenigen des säkularisierten Nationalstaates.

Neben der allgemeinen Schulpflicht spielt die Wehrpflicht im diesem Prozess der Herausbildung der Disziplinargesellschaft eine entscheidende Rolle. Auch hier besteht eine umfassende Kontinuität zwischen dem absolutistischen Staat und der bürgerlichen Gesellschaft. Berücksichtigt man, daß die frühen Staaten den weitaus größten Teil ihrer Einnahmen für den Krieg aufwendeten - Frankreich unter Ludwig XIV. 75%, England unter dem Lordprotektor Cromwell sogar 90% - dann wird die herausragende Bedeutung der Armee für die Erfindung der Disziplinierungstechniken, die mit der industriellen Revolution schließlich auch das Arbeitsleben prägen, deutlich:

"Aus einem formlosen Teig aus einem untauglichen Körper macht man eine Maschine, deren man bedarf; Schritt für Schritt hat man die Haltungen zurechtgerichtet, bis ein kalkulierter Zwang jeden Körperteil durchzieht und bemeistert, den gesamten Körper zusammenhält und verfügbar macht und sich insgeheim bis in die Automatik der Gewohnheiten durchsetzt, Man hat also den Bauern 'vertrieben' und ihm die 'Art des Soldaten' gegeben."

Die im 18. Jahrhundert eingeführten Techniken der Menschenzurichtung unterscheiden sich in vieler Hinsicht von allem bis dahin praktizierten Methoden des gesellschaftlichen Zwangs.

"Zunächst geht es um die Skala oder Größenordnung der Kontrolle: es geht nicht darum, den Körper in der Masse, en gros, als eine unterschiedslose Einheit zu behandeln, sondern ihn im Detail zu bearbeiten; auf ihn einen fein abgestimmten Zwang auszuüben; die Zugriffe auf der Ebenen der Mechanik ins Kleinste gehen zu lassen: Bewegungen, Gesten, Haltungen, Schnelligkeit. Eine infinitesimale Gewalt über den tätigen Körper. Sodann ist der Gegenstand der Kontrolle neu: es geht nicht mehr um die Bedeutungselemente des Verhaltens oder um die Sprache des Körpers, sondern um die Ökonomie und Effizienz der Bewegungen und ihrer inneren Organisation; der Zwang zielt eher auf die Kräfte als auf die Zeichen ab; die einzige wirklich bedeutsame Zeremonie ist die Übung. Und schließlich die Durchführungsweise; sie besteht in einer durchgängigen Zwangsausübung, die über die Vorgänge der Tätigkeit genauer wacht als über das Ergebnis und die Zeit, den Raum, die Bewegungen bis ins kleinste kodiert. Diese Methoden , welche die peinliche Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräfte ermöglichen und sie gelehrig/nützlich machen, kann man die 'Diziplinen' nennen." (Michel Foucault, Überwachen und Strafen, 173ff)

Literatur:

Christof Dipper: Deutsche Geschichte 1648-1789; Suhrkamp Taschenbuch, 1991

Michel Foucault: Überwachen und Strafen; Suhrkamp Taschenbuch, 1994

John Keegan: Die Kultur des Krieges, rororo, 1997

Alexis de Tocqueville: Der alte Staat und die Revolution, dtv, 1978

Roland Grimm

Fortsetzung geplant ...