Der Streik an der Philipps-Universitaet geht heute in die zweite Woche. Seit vergangenem Montag ist eine Bewegung in die Uni gekommen, die man allen am Streik Beteiligten vor kurzem noch nicht zugetraut hätte. Aber auch abseits spektakulärer und kreativer Aktionen ist die Bildungspolitik mit einem Mal zum Diskussionsthema geworden: Ob im Oberstadtaufzug oder bei Ahrens, im Hoersaalgebäude oder in der Mensa - überall diskutieren Studierende und Nicht-Studierende, manchmal sogar miteinander, und nicht nur untereinander.
Auch in Marburg, wo es ein so schwieriges Verhältnis zwischen "Marburgern" einerseits und "den Studenten" andererseits gibt, beginnt die Bevölkerung langsam zu kapieren, dass Studierende nicht nur Mieter und Kunden sind, sondern auch berechtigte Interessen haben. Die Aktivitäten der letzten Woche haben viel dazu beigetragen - macht weiter so! Und überzeugt die MarburgerInnen davon, diesen Streik zu unterstützen - finanziell, ideell, wie auch immer.
Aber der Ausstand, das Verhüllen von Gebäuden oder die Verhinderung von Seminaren - all dies ist kein Selbstzweck. So wichtig wie öffentlichkeitswirksame Aktionen in unserer Mediengesellschaft heute sind - die Studis (und natürlich alle anderen) müßen beginnen, sich mit Inhalten und Hintergründen der Bildungsmisere vertraut zu machen. Wenn Fachbereiche wie die Zahnmedizin oder die Heil- und Sonderpädagogik geschlossen werden, wenn Aegyptologie und Portugiesisch nicht mehr angeboten werden, dann liegt das nicht allein am "fehlenden Geld" oder an "der Landesregierung".
Hochschulpolitik beginnt in der eigenen Uni. Am Fachbereich, in Gremien wie dem Konvent, im AStA oder in der Fachschaft. Die Bereitschaft, sich dort zu engagieren und einen Teil seiner Studienzeit zu verbringen, hat dramatisch abgenommen. Aber wen wundert das auch, wenn man sich einerseits in Uni-Gremien ständig einer ProfessorInnen-Mehrheit gegenübersieht, gegen die nichts auszurichten ist, und sich andererseits Teile der studentischen Uni-Linken mit ihrer Politik seit Jahren selbst marginalisieren.
Aber hier müssen die Studis ansetzen. Es reicht eben nicht, dass die Heil- und Sonderpädagogen dem Uni-Präsidenten öffentlich vorwerfen, er habe ihren Fachbereich verschachert, wenn dies bereits im Gesetz steht. Der Druck auf die Uni-Leitung, der Druck aber auch auf die Politik, muss viel früher einsetzen. Dazu muß allen aber auch bewußt sein, was an ihren Fachbereichen abgeht, wie sich die Hochschulleitung dazu verhält und was das alles noch mit demokratischen Strukturen zu tun hat. Und wenn sich dann plötzlich viele Studis in vielen Fachbereich zusammentun - dann entsteht Bewegung. Und die könnte etwa Herrn Schaal einmal mächtig Dampf machen.
Oder Herrn Starzacher. Oder Frau Hohmann-Dennhardt. Oder Herrn Ruettgers. Oder Herrn Kohl. Wichtig ist doch, daß sich die Studierenden jetzt, da dieser Streik sich auch bundesweit ausbreitet, nicht mehr abspeisen lassen. Es geht nicht an, dass Schaal die Verantwortung nach Wiesbaden abschiebt, die Landesregierung nach Bonn schaut und Kohl und Ruettgers betonen, es sei halt kein Geld da. Ja wieso denn nicht?
Die Bundesregierung hat mit ihrer Steuerpolitik erst dafür gesorgt, daß es zu derart daramatischen Einschnitten kommt. Die Steuervergünstigungen für halbwegs gut verdienende Menschen sind so gewaltig, daß die Geschickten unter ihnen kaum noch Steuern zahlen. Zählt man die ueblichen Grossprojekte noch hinzu (Euro-Fighter, Regierungsumzug, Transrapid) wird schnell klar, wo die Ursachen für den Mangel liegen. Derweil wird mit dem Rasenmäher weggekürzt, was sich nicht wehrt: Und deshalb ist es wichtig, daß wir bei all unseren schönen Streik-Aktionen uns nicht isoliert sehen, sondern zum Beispiel auch an Arbeitslose (drohen wir selbst mal zu werden), SozialhilfeempfängerInnen oder AsylbewerberInnen denken. Ein zentrales Wort von Streikbewegungen heißt Solidarität. Es ist zwar heute nicht mehr hip, fast kommt man sich altmodisch vor - aber auch unsere Aktionen leben davon.
Der Streik geht in die zweite Woche. Die Aktionen weden hoffentlich
noch bunter, die inhaltlichen Debatten noch intensiver, die Zahl der Aktiven
noch größer. Und wer noch einen letzten Motivationsschub für
die zweite Woche braucht, dem sei ein Beitrag der bildungspolitischen Sprecherin
der Landtags-CDU, Traudl Herrhausen, ans Herz gelegt. Sie fordert in der
Sonntags-FAZ die Einführung von Studiengebuehren in Hessen. Wer sich
so etwas in der aufgeheizten
Stimmung momentan öffentlich zu sagen traut, der zieht es auch
durch, wenn die Mehrheiten im Land das zulassen. Also: Arsch hoch, Leute!
Stefan Mielchen
Streikzeit vom Montag den 17.11.97
Uni-Marburg